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Marguerite Yourcenar: Der Fangschuß

Der 1. Weltkrieg war erste Krieg, der mit Massenvernichtungswaffen geführt wurde und der die bis dahin geltenden soldatischen Tugenden wie Tapferkeit, Mut, Disziplin, Treue und Ehre den Sinn raubte. Die Überlebenden der Schlachten wurden in der Heimat nicht mehr als Helden empfangen; in den Städten herrschte Hunger. Gab es denn nach der bedingungslosen Kapitulation und der Verbannung des deutschen Kaisers in den Nachkriegswirren von 1918 keine Möglichkeit, sich vor dem Dienst zu drücken? Was zum Teufel treibt den preußischen Offizier 1919 ins Baltikum, um sich dort am Bürgerkrieg zu beteiligen? Der Herr von Lhomond ist ja kein Haudrauf aus Leidenschaft. Handelt er aus Idealismus? Glaubt er etwa, die letzten Reste des preußischen Junkertums vor den Roten Garden schützen zu können?

Dass der Stützpunkt in Reval auf Dauer kaum zu halten sein wird, ist dem Offizier bald klar. Er ist Realist. Seinen Freund Konrad schildert er als einen offenen, ehrlichen, gutgläubigen Menschen, der noch an die Sache glaubt. In diesen Zeiten? Ein anderer hätte vermutlich eher von Blauäugigkeit oder Naivität gesprochen. Doch der Erzähler ist nicht objektiv. Er spricht zwar nur von einer homoerotischen Neigung, aber jedesmal, wenn er auf Konrad zu sprechen kommt, wird sein Ton merklich enthusiastisch. Erich ist in Konrad verliebt.

Konrad verteidigt seinen Besitz. Das ist immerhin ein Motiv. Für Erich ist das Leben in Kratovice zu einer einzigen ständigen Drecksarbeit geworden und eine lebensgefährliche dazu. Er würde lieber mit Konrad nach Kanada auswandern, aber Konrad hat andere Interessen. Der einzige Grund, warum Erich an diesem Krieg teilnimmt, ist die Nähe zu Konrad. Er hat nur nichts davon: Menschliche Zärtlichkeit verlangt, zumal in Zeiten der Unsicherheit, ein gewisses Maß von Stille und Einsamkeit. In einer Mannschaftsstube und zwischen zwei Abkommandierungen zu irgendwelchen dreckigen Arbeiten kommen Liebe und Freundschaft notgedrungen zu kurz.

Man kann sich vorstellen, wie lästig ihm Sophie sein muss, die sich ihm mit der Rücksichtslosigkeit eines liebeshungrigen Teenagers aufdrängt. Verdammt dazu, auf dem Schloss die Stellung zu halten, kann er ihr noch nicht mal ausweichen. Er kann ihr aber auch schlecht sagen, dass er ihren Bruder liebt. Es wäre Konrads Aufgabe gewesen, das seiner Schwester beizubringen. Aber wie würde sie reagieren? Wenn die Beziehung herauskäme, wären die beiden Freunde geliefert, homosexuelle Offiziere wurden nicht geduldet. Trotzdem bringt Erich viel Verständnis für Sophie auf, er versucht sogar, sie vor dem egoistischen Volkmar zu schützen, auch wenn das natürlich missverstanden werden muss.

An einer Stelle im Roman heißt es, Sophie sei umgekommen. Das klingt nach Verdrängung einer Schuld, ist aber auch die militärische Sichtweise. Für den Offizier von Lhomond war Sophies Tod Schicksal. Krieg macht auf Dauer eben fatalistisch: Allzu deutlich empfinde ich das Abgeschlossene, Notwendige und Unvermeidliche jeder Handlung, obschon sie kurz zuvor selber so wenig vorauszusehen ist wie kurz danach ihre Folgen. Sein Handeln erscheint ihm demnach nur noch als Reaktion auf die jeweilige Situation, letztlich ohne Entscheidungsmöglichkeit. Was unterscheidet ihn dann noch von einem Tier?

Zugute halten muss man ihm, dass er nicht aus niedrigen Beweggründen handelt. Vorteilsdenken, Rachsucht oder andere Leidenschaften liegen ihm fern. Das militärisch Naheliegende und die Verantwortung gegenüber seinen Leuten bestimmen sein Handeln.

So schwer es dem Leser in seinem weichen Sessel auch fallen mag, die Hinrichtung von Sophie und ihrer Kameraden ist nicht einfach als brutaler Mord zu werten. Hier werden keine Zivilisten getötet, sondern Feinde. Die Bewachung und Versorgung der Gefangenen hätte den versprengten Haufen, der nur noch aus einer Handvoll Soldaten besteht, auf seinem Rückzug überfordert und sein eigenes Überleben gefährdet. Dagegen würden sie mit der Freilassung der Gefangenen den eigenen Standort preisgegeben und die Feinde auf sich gelenkt haben.

Dennoch ist die Erschießung zu verurteilen, denn es besteht kein direkter Zwang zur Notwehr. Bestimmt hätte man den Gefangenen, die ja entwaffnet waren, eine Überlebensmöglichkeit bieten können, ohne sich gleich selbst auszuliefern. Man hätte sie über den eigenen Weg täuschen können, man hätte ihnen die Schuhe wegnehmen können, um ihnen die Verfolgung unmöglich zu machen. Doch zu solchen Gedanken waren die Komissköpfe nicht fähig. Erich verhört die Gefangenen, um Zeit zu schinden. Er muss also nicht sofort weiter, er hat noch einen ganzen Tag lang Zeit, nur eine Idee hat er nicht. Solche Einfallslosigkeit resultiert aus Gewissenlosigkeit. Die Schonung der Gefangenen wäre von seinen Kameraden nicht verstanden worden, meint der Erzähler. Deshalb entscheidet er sich für die Aufrechterhaltung seiner Autorität und gegen die Erhaltung von Menschenleben. Gefangene zu machen, war schon lange nicht mehr üblich, heißt es sinngemäß an einer Stelle. Als ob das, was üblich ist, irgendeine Tat rechtfertigen könnte! Damit sind auch nicht die Feinde gemeint, wie man zunächst glauben möchte, nein, sie selbst haben diese Gewohnheit: Für gewöhnlich übernahm Michel in solchen Fällen die Rolle des Henkers. (Diese Figur heißt nicht grundlos Michel. Das ist ein Seitenhieb auf zwei Wesenszüge der deutschen Mentalität der damaligen Zeit: Unterwürfigkeit und Gewissenlosigkeit.)

Die Autorin spricht im Nachwort unter anderem davon, dass einer der Gründe, warum sie diesen Roman schrieb, der innere Adel der Romanfiguren sei. Darunter versteht sie eine Haltung der Unabhängigkeit, des Stolzes, der Treue und der Uneigennützigkeit, das heißt alles Eigenschaften, die bestimmt edel sind. Schätzen Sie die Romanfiguren auch so ein? Mir kommt diese elitäre Deutung, pardon, wie das überhebliche Geschwätz einer aristokratischen Offizierswitwe vor. Glücklicherweise spricht der Roman gegen das Nachwort.