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Martin Walser: Seelenarbeit

Xavers Mutter ist fromm; sie ist dankbar für das Zweitschlimmste. Ihre Hoffnungslosigkeit (in Bezug auf das irdische Leben) überträgt sie auch auf ihren Sohn. Sie hält ihn dazu an, Märtyrer-Geschichten zu lesen. "Du liest zwar die Legende, hatte sie gedacht, und das ist das beste, was du überhaupt tun kannst, aber es wird dir nichts helfen, du wirst es nicht schaffen, du kannst einem leidtun. Ja, so hatte sie ihn angeschaut. Ohne jede Hoffnung." Aber gesagt hat sie es nicht! Vielleicht bildet sich das Xaver Zürn, als er sich diese Szene (so etwa dreißig Jahre später) vergegenwärtigt, nur ein. Xaver braucht eine Erklärung für das, was in ihm vorgeht. Dabei wird die Mutter-Sohn-Beziehung nicht ausgespart, aber als Erklärung taugt sie nicht. Es gibt naheliegendere Gründe für sein schlechtes Selbstwertgefühl.

Gibt es irgendeine Stelle im Roman, wo Xaver sich verfährt oder auch nur einen Blick auf die Karte werfen muss? Bei unerwartetem Glatteis in der Kurve reagiert er schnell und richtig. Manchmal spielt er mit dem Wagen auf der Straße, dass es eine Lust ist und der abwesende Anwesende auf dem Rücksitz ins Schwanken kommt. Nach tagelanger Fahrt quer durch Deutschland und dreimal verschobener Heimreise, wird ihm aufgetragen, noch rasch mit dem Betriebs-VW in die Schweiz zu fahren, um den letzten Königsberger Flügel - ein Instrument von unermesslichem Wert - über die Alpen zu schaukeln. Normalerweise überlässt man das einem Fuhrunternehmen, das auf solche Transporte spezialisiert ist, und nicht einem übermüdeten Chauffeur. Xavers Fahrkunst ist beachtlich, aber den Fahrer beachtet man nicht, man braucht nur seine Kunst.

Es entspricht nicht der Idealvorstellung, die man sich von einem Chauffeur macht, wenn dieser das Schweigen bricht, das bleibt dem Chauffierten vorbehalten. Doch irgendwann, so sagt es der gesunde Menschenverstand, ist einer selbst schuld, wenn sein Chef nicht mit ihm redet. Dr. Gleitze jedoch macht es seinem Fahrer besonders schwer: er spricht nicht nur nicht mit ihm, er macht sich auch gleich selbst unansprechbar - mittels Kopfhörer. Aber es ist nicht nur das Schweigen seines Chefs, unter dem Xaver Zürn leidet. Er hat das Ideal zu verkörpern, dass Dr. Gleitze sich von einem Chauffeur macht, für einen realen Menschen bleibt da kein Freiraum mehr. Dr. Gleitze benutzt ihn wie einen Gegenstand, der ganz selbstverständlich zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung zu stehen hat. Seine Freizeit verbringt Xaver in irgendwelchen miserablen Hotels, bei langen Wartezeiten wird er auch manchmal mit einem Eis abgespeist. Wohin die Reise geht und wie lange sie dauert, erfährt der Fahrer oft erst während der Fahrt. Am Ende, als Xaver Zürn ins Lager versetzt wird, haben sich 69 Tage Resturlaub angesammelt. (Der Roman erschien 1979!)

Auch andere Chauffeure leiden unter ihrer Herrschaft und sie schimpfen ungeniert. Einer hat einen künstlichen Darmausgang, nicht nur Magenbeschwerden wie Xaver.

Die lebenslustige Aloisia reagiert überhaupt nicht belustigt, als sie von Frau Gleitze mit Josefine angesprochen wird, sondern empfindlich; sie droht sofort mit Kündigung, denn Aloisia grollt nicht nur deswegen ihrer Herrin.

Worauf ich hinaus will: Der Roman schildert zwar überwiegend das Innenleben eines mit einem Minderwertigkeitskomplex behafteten Menschen, seine stille Wut und wie tölpelhaft sie sich äußert, aber so lächerlich das wirkt, es macht einen auch wütend und traurig. Xavers Komplex wird geprägt und vertieft von konkreten Machtverhältnissen der Gesellschaft, nicht von unbewußten Verdrängungen irgendwelcher Kindheitsphantasien. Die Psychologie hilft da wenig. Allenfalls ist es die Ohnmacht der Eltern, das Kleineleutegefühl, das schon in der Kindheit erzeugt wurde, aber nicht der übermächtige Vater, die vereinnahmende Mutter, sexuelle Schuldgefühle oder Ähnliches. Es ist eher der Verlust seiner Brüder im Krieg und der Verlust des Großvaters, der sich wegen der schlechten Obstpreise aufgehängt hat. Der Frust hat politische Ursachen. Deswegen ist die vom Staat betriebene Enteignung der Grundstücke für den Ausbau des Straßennetzes am Ende des Romans durchaus nicht nur als Pointe zu verstehen in dem Sinn: Dr. Gleitzes neuem Chauffeur wird quasi der Weg bereitet und ausgerechnet das Grundstück des alten Chauffeurs wird dafür am meisten dezimiert, - dieser Vorgang zeigt eben auch, dass die kleinen Leute nicht gefragt werden und wo Ohnmachtsgefühl und Minderwertigkeitskomplex seinen Ursprung haben kann.

Natürlich muss man sie nicht haben, das Ohnmachtsgefühl und den Minderwertigkeitskomplex, nur weil man zu den kleinen Leuten zählt. Da ist zum Beispiel Xavers Vetter Conrad, der Sprücheklopfer. Es ergeht ihm jedoch nicht besser: Der gar nicht untertänige Conrad steht auf der Abschussliste der Firma.

Bei Dr. Gleitze musste ich nicht nur seines Dialektes wegen an einen preußischen Junker denken und bei Xaver Zürn manchmal an Woyzeck, da auch er von Blähungen geplagt wird und den Ärzten hilflos ausgeliefert ist. - Ich gebe aber zu, dass ich hier etwas zusammenbringe, was vom Autor vermutlich gar nicht beabsichtigt war. Oder doch? Was meinen Sie dazu?