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Richard Wagner: Miss Bukarest

Dino Schullerus, der in Rumänien Dinu Matache hieß, klärt den plötzlichen Tod seiner ehemaligen Geliebten Erika auf. Er schreibt einen Bericht über den Fall, wie er das in Rumänien für die Securitate gemacht hat, nur dass er den Bericht diesmal nicht einfach abgibt und vergisst, sondern an den Intellektuellen Richartz verschickt. Klaus Richartz, der in Rumänien Dissident war, ist persönlich betroffen, da er die Personen aus der eigenen Vergangenheit kennt. Er erinnert sich, stellt Überlegungen an und schreibt einen Kommentar dazu, erkennt aber auch, dass die Vergangenheit seine Gegenwart vergiftet, und schickt das Manuskript an seinen Schüler Christian, den Sohn von Dinu. Christian Schullerus fängt an, sich für Rumänien zu interessieren, als er aus der elterlichen Wohnung ausgezogen ist. Seinen Vater bezeichnet er etwas abfällig als der Rumäne, weil er dessen Ansichten ablehnt. Als er liest, dass sein Vater bei der Securitate war, wird er nachdenklich, zu nachdenklich für seine selbstbezogene Freundin Julia, die er dadurch verliert. Auch er ergänzt den Bericht durch eigene Überlegungen.

Warum ist die Konstruktion des Romans so kompliziert? Warum schreibt Dinu, der den Tod von Erika aus privaten Gründen aufklärt, überhaupt einen Bericht? Um sich Klarheit zu verschaffen oder um sein Wissen zu hinterlassen, falls ihm etwas passiert? Oder einfach nur, weil er es als ehemaliges Mitglied der Securitate so gewohnt ist? Warum schickt er den Bericht an Richartz? Will er seine Ratlosigkeit mit dem rumänischen Intellektuellen teilen, wie Richartz vermutet? Oder möchte er auf diese Weise um Verständnis bitten für seine Spitzeltätigkeit in Rumänien? Weshalb besprechen die beiden die leidige Angelegenheit nicht persönlich? Warum leitet Richartz stattdessen das Manuskript ausgerechnet an Christian weiter? Der Verdacht liegt nahe, dass er sich auf diese Weise am Vater rächen will.

Hier geht es nicht um Rollenverteilung, um gute oder schlechte Charaktereigenschaften, um die Mittel bei der Verfolgung eigener Ziele, es geht um vergiftete Beziehungen, um Unversöhnlichkeit. Alle sind schmerzlich miteinander verbunden, niemand kann sich entziehen, niemand ist voll verantwortlich und niemand ganz unschuldig. Das Manuskript beweist, dass die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt, auch die Weitergabe verdeutlicht das. Das Gift der Diktatur, eine Melange aus Bespitzelung, Misstrauen, Verrat, Lüge, Furcht und Hass entfaltet seine Wirkung auch noch, als das System abgeschafft, die Produktion des Giftes offiziell eingestellt ist. Dinu nach einem Gespräch mit dem Securitatemann Onescu: Jetzt fängt das alles wieder an. Schon die Fragen sagen mir, daß ein Gespräch zu diesem Thema nur die Form des Mißtrauens annehmen kann. Die Macht der Geheimdienste besteht im Zerstören der Gefühle, auch in ihrem rückwirkenden Zerstören. Diese Macht ist ewig.

Die Zukunft liefert Wunschbilder, kein Selbstbild. Die Vergangenheit prägt das Ego, dort findet man Halt. Was aber, wenn die Vergangenheit aus Haltlosigkeit besteht? Wenn der Charakter gebrochen, das Individuelle verleugnet, die Persönlichkeit sich selbst entfremdet wurde? Dinu Matache ist von einem Idealisten, der ein von Russland unabhängiges Rumänien wollte, zu einem Beamten des Nationalismus geworden, intolerant gegenüber Minderheiten, autoritär gegenüber seinen Kindern. Er schiebt die eigene Verantwortlichkeit auf die Macht, die ihm Bevorzugung gewährt. Halt findet er nur bei seiner Frau Lotte, die nicht fragt, was er macht, die es weiß und dazu schweigt, und die für ihn entscheidet, wohin die Reise geht.

Kaum glaubt man, der plötzliche Tod von Erika Osthoff sei aufgeklärt, stirbt Dieter Osthoff auf der Autobahn. Ein Unfall? Ein Racheakt Dinus? Oder Onescus Beseitigung eines Zeugen? Steckt Martin dahinter, der als Dissident in einer KFZ-Werkstatt arbeiten musste und sich nun im Westen dem Autohandel zugewandt hat? Die Geschichte wird immer undurchsichtiger. Hier wird kein Mörder gefunden, der Krimi bleibt stecken. Der Leser, der eine Auflösung erwartet hat, muss aufgeben.

Auch Christian gibt auf, er will das Manuskript an Richartz zurückschicken. Alles andere soll Dinu mit sich selbst ausmachen. Mit sich und seinen Ex-Kumpels. Als ob das so einfach wäre! Der Roman verdeutlicht den Widerspruch. Einerseits stellt er die Forderung auf, das in der Tiefe lauernde Ungeheuer zu vergessen und andrerseits zeigt er die Unmöglichkeit, seinen Greifarmen zu entkommen.