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Birgit Vanderbeke: Ich sehe was, was du nicht siehst

Die Ich-Erzählerin hält sich sehr zurück, wenn sie etwas sieht, was sie lieber nicht sehen will. Dabei ist das der Grund, warum sie nicht nur ein bisschen, sondern richtig weggeht: weil die Sachen, die ich lieber nicht gesehen hätte, immer mehr und mehr wurden und ich immer mehr Zeit damit zubringen mußte, sie nicht gesehen zu haben. Was sind denn das für Sachen?

Dass die Grundschullehrerinnen (alle?) Weizenkleie und Vorzugsmilch im Reformhaus kaufen und ungespritztes Gemüse auf dem Markt? Dass der Postbote (immer?) Einschreibesendungen nicht aushändigt und stattdessen eine Benachrichtigung in den Briefkasten wirft? Oder dass die Leute (berechtigterweise?) sagen, man traut sich schon gar nicht mehr in die U-Bahn oder ins Parkhaus? Die Erzählerin deutet vieles an, aber zeigt es nicht. Sie sagt: Alle waren unzufrieden und schlecht gelaunt...

Minck ist so ein Typ. Er jammert, dass seine Gedichte zu wenig Leser finden und macht dafür mafiöse Strukturen verantwortlich, obwohl er wissen müsste, das alle Gedichte nur wenige Leser finden. Er verschickt schlecht gemachte (und daher bestimmt auch recht billige) Kunstkarten ausgerechnet an eine Frau, deren Beruf es ist, über Kunst zu schreiben. Er hätte ihr einen Brief mit einem selbstverfassten Gedicht schicken können, denn das kann er, und das kostet auch nicht mehr. Aber ganz so arm ist der arme Dichter dann doch nicht, sonst würde er sie nicht zu dem teuren, weißen Whisky einladen. Er hätte ihr stattdessen einen normalen Whisky spendieren und eine Rose bei einem der Inder kaufen sollen. Minck ist alles andere als aufmerksam, aber ein Ekel er nicht.

Vom Lembek erfahren wir nur, dass er alles durcheinander redet. Er ist wohl ein bisschen verliebt, bleibt aber beim Sie. Erst sagt er, gut dass Sie da sind, und später, gut, dass Sie weggehen. Ob er sich von seiner Frau oder - aus alter Gewohnheit - von der Stasi beobachtet fühlt oder sonst einen Grund hat zu fürchten, mit der Erzählerin zusammen gesehen zu werden, bleibt unklar. Er ist weder schlecht gelaunt, noch ist er unzufrieden, er ist nur etwas ängstlich und weiß nicht, was er will. Er ist sicher ein wenig traurig, dass die Erzählerin nach Frankreich zieht, andrerseits auch wieder erleichtert ...

Dass Silvana nicht gut gelaunt ist, als sie mit der Erzählerin telefoniert, kann man verstehen, denn bei ihr ist eingebrochen worden. Die Erzählerin sagt, ihr seid doch bestimmt versichert, worauf Silvana sagt, klar, aber trotzdem, und die Erzählerin sagt, klar. Doch das einzige, was ich hier klar finde, ist, dass Silvana nach einem solchen klar momentan keine Lust verspürt, sich mit der Erzählerin, die ja bald abreist, zu verabreden.

Gemeint ist vielleicht folgendes: Die Erzählerin nimmt an, dass Silvana und Ferdy versichert sind, weil das hier so üblich ist, und während sie ihren Schlüssel außen an ihrer Wohnungstür stecken lässt, was unüblich ist, regen sich die beiden über den Verlust von Gegenständen auf, obwohl sie versichert sind. Möglicherweise ist mit dem Verlust auch ein Wertverlust verbunden, weil nicht alles zum aktuellen Kaufpreis erstattet wird, und dann muss, einfach weil es üblich ist, stets das Maximale herauszuholen, der Rechtsweg beschritten werden, und das ist natürlich, weil zeitaufwändig, unangenehm. Und gegen diese Unannehmlichkeit sind sie nicht versichert. Wenn die Autorin das beschrieben hätte, wüsste der Leser, dass Silvana und Ferdy kleinkariert sind, so aber kann er es nur ahnen.

Das Beispiel zeigt allerdings eher, dass der Erzählerin vor lauter Vorurteile das Einfühlungsvermögen abhanden gekommen ist. Denn bei einem Einbruch geht es ja nicht nur ums Geld! Es geht auch um Furcht. Schließlich weiß man jetzt mit Bestimmtheit, dass man vor Einbrechern nicht gefeit ist, und dann lässt sich auch eine so sinnlose Frage nicht vermeiden, ob man beim nächsten Einbruch, wäre man zu Hause, mit heiler Haut davonkäme. - Auch finde ich nicht, das Gegenstände einfach ersetzt werden können. An manchem Sachen hängen Erinnerungen, auch wenn es "nur" Apparate sind, ganz zu schweigen davon, wie lange man arbeiten muss, einen neuen Computer wieder so einzurichten, wie man ihn braucht, und wenn man keine aktuelle Sicherung in der Schublade hat, dann sind mit dem Computer auch die Daten weg. Was würde denn die Autorin empfinden, wenn auf diese Weise ihr Roman verschwände und ihr dann eine Freundin am Telefon sagte, du bist doch bestimmt versichert?

Treffend dagegen ist die Szene bei der Oma. Das Kind erklärt, wie es seine Hose aufschlitzt, und die Oma näht über Nacht einen Flicken auf den Riss. Am Ende heulen sie beide darüber. Die Mutter hält sich weise zurück. Der Trotz des Kindes ist der Verbohrtheit seiner Oma doch recht ähnlich, oder?

Es ist äußerst schwierig, als Ich-Erzähler die eigene Auswanderung mit der Mentalität der Gesellschaft zu begründen, weil ein Ich-Erzähler nur beschränktes Wissen und nur eine bestimmte Sicht haben kann und deshalb dazu neigt, unbewiesene Behauptungen aufzustellen oder zarte Andeutungen zu machen, damit aber nur die Vorurteile Gleichgesinnter bedient. Auch mit ein paar Karikaturen als Vertreter der Gesellschaft ist es nicht getan, weil die in eine Satire gehören, nicht in einen realistischen Roman. Für Karikaturen halte ich die beiden Urlauber, die sich bei der Erzählerin, die sie nicht mal kennen, uneingeladen einnisten, nur weil sie keinen freien Campingplatz gefunden haben. Das Recht dazu leiten sie von einer gemeinsamen Bekannten ab. Realistischer hätte ich es gefunden, wenn die beiden - vielleicht wegen eines Autoschadens - erst ganz höflich um eine Übernachtungsmöglichkeit gebeten und sich erst danach auf ihre unverschämte Art breitgemacht hätten. Dabei wäre diese Übertreibung gar nicht nötig gewesen, die Autorin hat andere Möglichkeiten.

Die Wahlheimat der Erzählerin ist kein Paradies. Gewitter, Regengüsse, Stürme und gefährliche Waldbrände verlangen von den Bewohnern viel Gleichmut und Hinnahmebereitschaft, anders kann man dort nicht leben. Vielleicht sind die Leute deswegen so tolerant. Jammern und Meckern ist lächerlich, wenn man außer sich selbst niemandem die Schuld zuschieben kann, wie die Urlauber am Fluss, wenn sie über die Kieselsteine schimpfen. Erst hier in Frankreich wird deutlich, was der Erzählerin in Berlin missfallen hat. Der Unterschied spricht für sich, nicht irgendwelche Andeutungen oder Übertreibungen.

Sie erzählt nur, was sie sieht, sie beschreibt, was geschieht. Zum Beispiel schildert sie ein Dorffest, bei dem sich niemand daran stört, dass der Hund unter die Sitzbank pinkelt. Genausowenig stört es die Teisseires, als der Hund an ihnen hochspringt. Es ist halt ein Hund. Dort auf dem Land ist noch Platz für undressierte Hunde und nicht kastrierte Katzen, und die Erzählerin begreift, dass man einer Katze auch helfen kann, wenn sie einem nicht gehört. Der Postbote ist freundlich und die Lehrerin kein Gesundheitsapologet. Aus dem Kind wird Nico, weil es nicht Nicola heißen mag, aber in Wirklichkeit heißt es ganz anders. So haben wir uns das eigentlich nicht gedacht, als wir dir deinen Namen gegeben haben, sagt René und belässt es dabei, während ein anderer sich womöglich in der Schule beschwert hätte. Und so erfährt der Leser ganz nebenbei, das René nicht nur ein guter Freund, sondern vermutlich auch der Vater ist.

Doch auch in Südfrankreich sind nicht alle Leute so gelassen wie René und so nett wie die Teisseires, so natürlich wie die Lehrerin und so höflich wie der Postbote. Vielleicht ist es ganz gut, dass der Roman endet, bevor die Erzählerin wieder etwas sieht, was sie lieber nicht gesehen hätte.