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Jean-Philippe Toussaint: Fernsehen

Der Professor geht in der Gemäldegallerie so nahe an das Portrait des Hieronymus Holzschuhers heran, dass er vom Wachpersonal erst ermahnt, und als er nicht hören will, angeschnauzt wird. Dabei möchte er nur ein Detail genauer in Augenschein nehmen. Der Museumsbesucher und Icherzähler ist schon von Berufs wegen ein "Nahseher" und so verwundert es nicht, dass er mit dem Fernsehen nicht klarkommt, oder?

Natürlich befällt einem das schlechte Gewissen, wenn man Nutznießer eines Stipendiums ist und dann vor der Glotze hängt und durch die Kanäle zappt, statt zu arbeiten, zumal wenn man noch ganz am Anfang seiner Studie steht und noch nicht mal weiß, ob man Tizian oder der Tizian oder Tizian Vecelli oder Tiziano Vecellio schreiben soll, und dabei könnte man sogar, weil die Familie im Urlaub ist, vollkommen ungestört nachdenken ...

Aber das schlechte Gewissen ist so stark nun auch wieder nicht, denn wenn der Professor nichts tut, plagt ihn kein schlechtes Gewissen. Das klingt etwas verdreht, denn vor der Glotze herumzuhängen gilt ja allgemein als Nichtstun. Aber der Professor hat eine sehr eigene Definition für dieses Wort. Nichtstun bedeutet für ihn bewusst leben, vernünftig handeln, entspannt sein und genießen können. Das Gegenteil davon ist innerer Zwang, unüberlegter Aktionismus oder das Bedienen irgendeiner Sucht - wie das Fernsehen. Das ist unter seiner Würde. Das ist Zeitvergeudung. Keine Zeitvergeudung dagegen ist für ihn das tägliche Schwimmen, worunter er ein Kräfte schonendes Gleiten versteht, bei dem er den Geist abschalten und das Element Wasser fühlen kann. Sportlichen Ehrgeiz hat er nicht. Die schnellen Krauler im Becken sind ihm zuwider, sie wühlen nur das Wasser auf. Der Professor ist ein musischer Mensch, er strebt nach Kontemplation, Reflexion und Konzentration. Und er ist ein sinnlicher Mensch, der das opulente Frühstück genießt, das Wasser und die Sonne, die Musik und die Malerei, und der seine Frau und seinen Sohn liebt. - Warum nur fällt es ihm so schwer, auf die Flimmerkiste zu verzichten?

Der Präsident der Stiftung, der Dichter und Diplomat Mechelius fühlt sich ganz offensichtlich ertappt, als er beiläufig von einer Fernsehsendung über die Fugger zu sprechen kommt und vom Professor gefragt wird, ob er viel fernsieht. Mechelius rechtfertigt sich sofort damit, dass er nur Sendungen anschaut, die er aufgenommen hat. Wer's glaubt ...

Im Ernst, dagegen spricht doch nichts - wenn der Videorekorder in der Lage ist, die Zeit und Konzentration raubenden Werbeblöcke herauszufiltern.

Für einen Mann des Geistes ist es natürlich peinlich, für einen Vielseher gehalten zu werden, denn es gibt ja nichts Geistloseres als die Glotze. Ein Fernsehprogramm, das mit Werbefernsehen oder gar mit Fernsehwerbung genauer bezeichnet wäre, weil immer mehr Sendungen für die Werbung und zunehmend auch von der Werbung zu puren Signalketten zusammengeschnitten werden, besteht nur noch aus Happen zum Zappen. Der Fernsehapparat gleicht dann einem Geldspielautomaten, bei dem man die Scheiben und Rollen stoppen oder rotieren lassen kann, der aber kein Geld mehr ausspuckt. Da wird der Zocker zum Zapper. Ist es diese Art des Fernsehens oder ist es das Medium Film an sich, das mit seiner Bilderflut den Geist erschlägt, weil es, um Bewegung zu erzeugen, seine Bilder nunmal in rascher Folge senden muss. Verkraftet der Geist die Zeitlupe besser?

Wenn man wie der Professor zeitbewusst und selbstbestimmt leben möchte, dann ist natürlich nichts so lästig und leidig wie eine regelmäßig zu erfüllende Verpflichtung. Die Dreschers überrumpeln ihn mit ihrem Anliegen. Er sagt zwar nicht zu, bekundet aber sein Einverständnis dadurch, dass er den Zettel mit der von den Dreschers verfassten Wohnungspflanzenbewässerungsverordnung einsteckt. Am Ende des Romans führt diese Verpflichtung, der er nur nachlässig und tölpelhaft nachkommt, zu einer fernsehreifen Komödienszene. Heimlich versucht der Professor, trotz Anwesenheit der Dreschers, den Farn aus dem Kühlschrank zu holen, den er dort im beschwippsten Zustand hineingestellt und danach vergessen hat. Durch seine freche Heuchelei gerät er in eine fast aussichtlose Situation, in der er zum Vergnügen der Leser seine Würde verliert, den Dreschers aber nur Rätsel aufgibt. Ich musste sofort an den Schauspieler Willy Millowitsch denken.