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Aleksandar Tisma: Treue und Verrat

Welche Stadt in Jugoslawien hatte unter dem Bombardement der Nato mehr zu leiden als Novi Sad? Der Autor ist Serbe und wohnt (immer noch?) in Novi Sad, auch die Handlung spielt überwiegend dort. Das Buch von Aleksander Tisma erschien zwar schon 1983, also vor dem Krieg, aber trotzdem könnte man geneigt sein, das Buch vorrangig unter politischen Aspekten zu lesen, doch das würde dem Roman nicht gerecht.

Möglicherweise wollte der Autor ursprünglich nur eine Liebesgeschichte schreiben, stellte dann aber fest, dass Sergijes Verhalten unglaubwürdig wäre, erzählte er nicht auch Sergijes Lebensgeschichte sowie die der anderen Hauptfiguren. Es gibt nämlich einen Bruch in der Abfolge der Handlung: "Das spontan geplante und problemlos verwirklichte Rendvous mit Inge ist eine Ausnahme in Sergijes Leben. Dieses Leben ist Ereignissen von größerer Bedeutung gewidmet oder, einfacher gesagt, der Klärung von Beziehungen mit Männern, nicht mit Frauen ..." Danach wird Sergijes Vergangenheit bis in die Gegenwart des Romans erzählt, sie nimmt immerhin ein Drittel des Buches ein.

Es ist eine Geschichte von Verrat und weniger von Treue. Treu ist eigentlich nur sein Freund Eugen, "seine zweite Hälfte". Aber ausgerechnet ihn bezichtigt am Ende Sergije des Verrats, denn Eugen hat vernünftigerweise nicht mitgemacht bei dem sinnlosen Ausbruchsversuch der Revolutionäre aus dem Gefängnis. Schon allein mit dieser Bezichtigung verrät Sergije seine Freundschaft, erst recht natürlich mit seinem ungeheuerlichen Ansinnen.

Inge ist ihrem Mann zwar nicht treu, aber sie kehrt immer wieder zu ihm zurück. Ergeben erträgt sie seine Misslaunigkeiten. Sie harrt aus bei einem Mann, den sie nicht liebt, weil sie bei ihm in wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen leben kann. Denn in ihrem Elternhaus wurde oft über Geld gestritten, weil ihre Mutter jahrelang über die finanziellen Möglichkeiten der Familie lebte, und sie hat im 2. Weltkrieg erfahren, dass man immer etwas besitzen muss, um zu überleben. Deswegen verrät sie später auch ihre Liebe zu Sergije, dem Vater des Kindes, das sie in sich trägt, indem sie sich von ihm, ohne mit ihm darüber zu reden, abwendet und sich dem sie verprügelnden, aber wohlhabenden Gatten anvertraut.

Die Figuren stehen nicht für bestimmte politische Ansichten, sie mögen nächtelang miteinander diskutiert haben, der Roman erzählt nichts darüber. Es geht nicht um Kapitalismus, Sozialismus, Liberalismus, nicht um Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, nicht um Minderheiten und Machthabern, nirgendwo im Buch wird der Leser angehalten, über ein politisches Problem nachzudenken. Deswegen ist das für mich kein politischer Roman. Er mag es sein für Leser, die zwischen den Zeilen lesen müssen, weil sie in einem Land der Zensur leben. Natürlich wäre das Leben der Personen, wären sie nicht Leidtragende der politischen Ereignisse, anders verlaufen; das ist banal. Aber das Leben der Personen wird auch von Entscheidungen geprägt, die privater Natur sind, selbst wenn sie in den Zwangssituationen der politischen Ereignisse getroffen wurden. - Sergije forciert den Ausbruch aus dem Gefängnis nicht in erster Linie, um wieder in die poltischen Geschehnisse eingreifen zu können, sondern weil er möglichst bald wieder bei Mara sein möchte. Er erschießt Gardinovacki in der Botschaft nicht, um seinem Land einen Dienst zu erweisen, sondern wegen einer Liebesintrige. Er will Balthasar ermorden lassen, nicht weil er ihn hasst als wohlhabenden und arroganten Sohn eines Nazis, der den Serben ihre Armut anlastet und seine Eltern in die Armut treibt, sondern weil er dessen Frau haben will.

Was kann Sergije noch mit seinem Leben anfangen?

Er hat Inge verloren, und selbst wenn sie eines Tages zu ihm kommen sollte, stünde der Selbstmord Eugens zwischen ihnen, den er verschuldet hat und über dessen Motiv sie nichts erfahren darf, aber dessen letzte Worte sie sicher erklärt haben möchte. Er hat das Versprechen gebrochen, das er seiner kleinen Tochter gegeben hat, und damit das bisschen Vertrauen, das er gewonnen hat, vermutlich nicht nur bei der Tochter, sondern auch bei seiner Frau verloren. Zudem hat er seine Frau betrogen, was das zweite Kind beweist, das ihn vielleicht später einmal besuchen wird. Zudem kann jederzeit die Akte über den vertuschten Mord an Gardinovacki wieder ausgepackt werden und sei es nur, um ihn gefügig zu machen.

In seiner Lage könnte Sergije auf den Gedanken verfallen, nichts mehr mit seinem Leben anzufangen und sich stattdessen einfach umzubringen, doch das darf er nicht, will er nicht auch noch seine Eltern ins Verderben stürzen.