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Zeruya Shalev: Liebesleben

Besser lassen wir es so, sagt Ariel. Für den Leser aber ist es besser, dass Ja'ara es nicht so lassen kann. Ariel fragt: Was liebst du an mir? Sie kann es ihm nicht sagen. Doch mich als Leser dieses Romans lässt diese Frage keine Ruhe. Was um alles in der Welt findet die junge Frau so "ausziehend" an diesem dirty old man?

Die Vulgärpsychologie hat immer gleich eine Erklärung parat:

Die Eltern trauern um ihren Sohn und vernachlässigen ihre Tochter. Das Mädchen erlebt dauernd Ehestreit und Unsicherheit und sehnt sich deswegen auch als Frau besonders nach dem, was sie in ihrer Kindheit vermisste: Harmonie und Sicherheit (1). Die Mutter stellt den Vater als Schwächling und Versager hin, so dass später die Tochter nach einem starken Typ Ausschau hält (2). Das Mädchen kann seinem Vater keine Zuwendung entlocken und ist daher als Frau ihrer weiblichen Verführungskunst unsicher (3). Darum flüchtet Ja'ara zunächst in die Ehe mit Joni, der ihr Harmonie und Sicherheit bietet (1), darum steht sie aber andrerseits auch auf grauhaarige und Stärke ausstrahlende Typen wie Ariel (2), und darum versucht sie beide in ungeschickt aufdringlicher Weise - und daher letztenendes vergeblich - zu verführen (3).

Wenn es so einfach wäre!

Erstens setzt Ja'ara ihre Sicherheiten Ehe und Karriere aufs Spiel. Zweitens ist Ariel weder stark noch väterlich. Drittens setzt Ja'ara ihre weiblichen Reize durchaus selbstbewusst ein, und dass Joni gleichgültig ist und so leidenschaftslos reagiert, liegt wohl überwiegend an ihm, und dass Ariel gleichgültig tut und so gern Leiden schafft, liegt wohl eher an seiner perversen Lust zur Demütigung als an Ja'aras Neigung zur Unterwürfigkeit.

Okay. Die Vulgärpsychologie wäre nicht, was sie ist, wenn sie nicht immer auch eine andere Erklärung parat hätte:

Hier geht es nicht um Liebe, sondern um den Machtkampf zwischen Mann und Frau. Zunächst ist es nur verletzter Stolz, der Ja'ara zu Ariel treibt, weil er, als er bei ihren Eltern zu Besuch war, die attraktive Tochter nicht genügend beachtet hat. Dann möchte sie die Demütigung der ersten sexuellen Begegnung durch eine weitere Begegnung in einen Sieg umwandeln und am Ende will sie nur noch einen Teilsieg in Form einer lieben Geste erreichen. Sie will und kann einfach nicht begreifen, dass sie ihn mit den Waffen einer Frau nicht weich machen kann, bis sie endlich erkennt, dass er gar nicht zur Liebe fähig ist, sondern nur abhängig von der Abhängigkeit einer Frau. Dabei sieht ihn Ja'ara von Anfang an mit dem analytischen, bisweilen verächtlichen Blick des Hasses; keine Spur von verliebter Schwärmerei. Ja'ara taumelt nicht liebestrunken durch den Roman, sondern ist listig und verlogen. Sie weint mehr aus Wut über das verlorene Spiel, als aus Trauer um die große Liebe. Sie verwechselt das allerdings. Man stelle sich vor, Ariel hätte sich unsterblich in Ja'ara verliebt und ihr ewige Liebe geschworen. - Wie langweilig wäre er ihr erschienen!

Hm. Stimmt auch nicht so ganz, oder?

Ja'ara wird von Ariels braun gebranntem Körper, von seinen geschmeidigen Bewegungen (Ariel bedeutet Löwe), von seiner Ruhe, die er gegenüber den Gästen ausstrahlt, magisch angezogen. Dagegen ist sie machtlos. Das liebt sie an ihm. Das lässt sich nicht erklären. Überhaupt wird Ja'ara von allem, was sie wahrnimmt, schier überwältigt, nicht nur von Ariel, auch von anderen Menschen und ihrer Erscheinung, aber auch von Erinnerungen, Geschichten, Vorstellungen, Phantasien oder dem Blick aus dem Fenster, dem Geruch einer Bibliothek. Ihre Wahrnehmungen beeindrucken sie so stark, weil sie sofort etwas Symbolisches darin erkennt, so dass ihre Wahrnehmungen Verheißungen gleichkommen und oft ist Ja'ara deswegen bereit, ihr Leben von Grund auf zu ändern - bis sie etwas anderes wahrnimmt oder sich vorstellt. Sie ist immer aufnahmebereit und sie lebt ganz aus dem Bauch heraus, spontan, unüberlegt. Sie wird ständig von ihren Stimmungen hin- und hergerissen, Verzweiflung wechselt mit übertriebenen Hoffnungen, Sentimentalität mit kalter Berechnung. Deswegen kann man ihr, trotz ihrer oft bösen Gedanken (z.B. gegen ihren Vater) und ihrer dreisten Lügen, nicht wirklich böse sein. Vielleicht ist es aber auch nur Mitleid, weil sie sich selbst am meisten belügt. Sie hat geniale Einfälle und einen scharfen Verstand, warum kann sie nicht ein bißchen vernünftiger sein? Liebe macht unvernünftig, klar, aber ist es nicht auch ein wenig so, dass Unvernunft leichter verliebt macht?

Manche Frauen meinen, sie bräuchten einen Mann, an den sie sich anlehnen können. Vielleicht braucht Ja'ara jemanden, an den sie sich stoßen kann, um sich selbst besser kennen zu lernen. Aber keinen Stoßer wie Ariel und natürlich auch kein Weichei wie Joni. Von beiden trennt sie sich, doch warum so spät?