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Bernhard Schlink: Liebesfluchten

Mit Flucht wird nicht nur die Tätigkeit des Fliehens, sondern auch der Weg (entlang einer Gebäudereihe) oder der Ausweg (die Flucht zwischen zwei Häusern) bezeichnet. Gewohnheiten haben die Tendenz, sich zu verfestigen wie Mauern, sie behindern den Zugang wie den Ausgang. Die Mauern der Gewohnheit sind trügerische Zufluchten. Die Protagonisten in den Erzählungen versuchen aus der Enge ihrer Situation auszubrechen, oft zu spät und mit schlimmen Konsequenzen, und immer überraschend für andere. In Schlinks Liebesfluchten fliehen keine Liebespaare, sondern Einzelpersonen, nicht die romantische Vorstellung von der einzig wahren und großen Liebe ist der Grund, sondern die Unzufriedenheit über erkaltete Beziehungen, die Enttäuschung über nicht wahrgenommene Chancen.

Das Mädchen mit der Eidechse.
Das Bild, das im Jungen die Sehnsucht nach weiblicher Zärtlichkeit weckte, wird dem Studenten zum Balast. Seine Beziehungen scheitern, weil die wirklichen Frauen nicht zu der romantischen Vorstellung passen, die er - beeinflusst durch das Gemälde - von der Liebe hat. Zudem muss er vermuten, dass sein Vater das Gemälde dem jüdischen Maler Dalheim während der Nazizeit abgepresst hat. Mit der Vernichtung des Bildes befreit sich der Student von der Vergangenheit und schafft Platz für unbelastete Erfahrungen. Es ist auch eine Entscheidung für die Liebe. Doch sie ist schwerwiegender, als er meint.

Der Seitensprung.
Der Unabhängige kann nicht erwarten, dass der Abhängige seine Probleme mit ihm teilt, als befänden sie sich in der gleichen Lage. Die Einseitigkeit der Freundschaft ist unvermeidlich, denn der Abhängige kann dem Unabhängigen kaum helfen, es geht umgekehrt. Übernimmt der Unabhängige Verpflichtungen, verliert er seine Unabhängigkeit, tut er es nicht, verliert er die Freundschaft. Unsere Beziehung sollte eine Freundschafts-, keine Austauschbeziehung sein. Wir sollten einfach Menschen sein. Das klingt nach hehren Idealen, aber so kann nur jemand sprechen, der unabhängig ist. Doch auch der Freund aus dem Westen gerät in das Netz der Bespitzelungen im Osten. Die Personen können sich den Verhältnissen nicht entziehen, alles was sie tun und sagen, hat neben der privaten auch eine politische Bedeutung. Auch ein gewöhnlicher Seitensprung bekommt eine zusätzliche Dimension: Paula flieht auf diese Weise nicht nur vor den Komplikationen ihrer Ehe, sondern auch vor denen der Diktatur, und der Beglückte weiß nicht, ob er als Mann begehrt oder nur benutzt wird. Nachdem die Diktatur beseitigt und die Bespitzelung abgeschafft ist, müsste die Freundschaft leichter sein, aber das Gegenteil ist der Fall. Der Kontakt bricht ab, weil die Offenheit, die vorher nicht möglich war, nun verletzend wäre. Die Vergangenheit ist kompliziert, die Zukunft erscheint einfach. Julias altkluge Erklärung lässt hoffen.

Der Andere.
Die Fröhlichkeit, die sie ihm gegeben hatte, war keine geringere, sondern gerade die, der sich sein schwerfälliges und griesgrämiges Herz öffnen konnte. Sie hatte ihm nichts vorenthalten. Sie hatte ihm alles gegeben, was er zu nehmen fähig gewesen war. Um zu dieser Einsicht zu gelangen, muss der Witwer seine geordnete Welt verlassen - wie vordem Lisa. Sie hat mitunter die Flucht ergriffen vor der geordneten Welt ihres Gatten, weil der Nebenbuhler etwas bietet, das der Ehemann nicht bieten kann, auch wenn er nur ein Blender, ein Versager, ein Schwätzer und Schmarotzer ist. Doch Lisas Verhältnis mit diesem Mann endet nicht erwartungsgemäß in der Enttäuschung, sondern dauert über viele Jahre hinweg und kostet ihr ein Vermögen. Und das nur, weil er alles viel schöner findet als ihr Ehemann, also auch sie selbst? Gibt er ihrer Fröhlichkeit Nahrung, stimuliert er ihr Geigenspiel? Der Leser erfährt es nicht, denn der nachforschende Witwer begnügt sich damit herauszufinden, ob sie ihm etwas vorenthalten hat, statt sich zu fragen, was er ihr vorenthalten hat.

Zuckererbsen.
Wer seine Zeit nur aufteilt, anstatt sie zu teilen, der hat nicht viel zu bieten. Zuckererbsen für alle! klingt gut, aber gelingt nur, wenn alle mitmachen. Wenn nur einer verteilt, bleiben auf Dauer für jeden nur ein paar Zuckererbsen übrig, und am Ende bleibt auch ihm nicht mehr.

Die Beschneidung.
Symbolische Handlungen ändern keine Weltanschauung und ersetzen auch nicht die Auseinandersetzung darüber. Das ist so selbstverständlich, wie Andis Beschneidung lächerlich ist. Und doch wird diese simple Tatsache in der Politik oft ignoriert, weil Weltanschauungen unveränderlich erscheinen und die Auseinandersetzungen langwierig und schwierig sind. Die Liebe zwischen Andi und Sarah ist nicht stark genug, um auf privater Ebene zu leisten, was die Öffentlichkeit nicht schafft.

Der Sohn.
Statt dem vom Krieg verwüsteten Land eine Friedenstruppe zu schicken, entsendet man nur ein paar Beobachter als Friedensapostel. Vermutlich gehört der Professor für Völkerrecht zu denen, die solche faulen Kompromisse formulieren. Er hatte schon für verschiedene internationale Organisationen gearbeitet, in Komitees gesessen, Berichte abgefaßt und Abkommen entworfen. Am Ende seines Lebens kommt sich vor wie ein Scharlatan, der sich der Wirklichkeit nicht stellt. Auch seinem Sohn gegenüber fühlt er sich schuldig, weil er nicht um ihn gekämpft hat. Jetzt ist es zu spät. Sein ich hab dich lieb, mein Junge ist beiden nur peinlich. Wegen diesem Schuldgefühl erklärt er sich bereit zu der riskanten Mission. Doch dabei wird er nun selbst Opfer eines faulen Kompromisses.