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Bernhard Schlink: Der Vorleser

Der Vorleser in Schlinks Roman liest über viele Jahre hinweg nur einer Person vor und schickt ihr die besprochenen Kassetten zu, ein beachtlicher Dienst, aber unpersönlich. Er bringt es nicht fertig, sie zu besuchen und mit ihr zu sprechen, was viel naheliegender wäre. Auch auf den Kassetten übermittelt er nichts Persönliches. Ich las den Titel vor, den Namen des Autors und den Text. Wenn der Text zu Ende war, wartete ich einen Moment, klappte das Buch zu und drückte die Stop-Taste. Nach dem 4. Jahr des wortreichen, wortkargen Kontaktes schreibt sie ihm. Es ist das erste Mal, dass sie die Möglichkeit hat, mit ihm Kontakt aufzunehmen, aber er antwortet nicht und schickt weiterhin nur unpersönliche Kassetten. Das ist hart. Diese Art des Kontaktes, so hilfreich er für Hanna ist, muss auf sie wie eine zusätzliche Bestrafung wirken. Der Vorleser beruhigt sein Gewissen, indem er ihr diese Nische in seinem Leben zubilligt, mehr jedoch nicht, dass sie im Gefängnis sitzt, ist bequem für ihn. Wie kann man nur so herzlos sein? Andrerseits, wie könnte man zu Hanna herzlich sein?

Hanna ist ja nicht nur selbst herzlos, sie ist zudem mitleidlos und skrupellos - nicht allein wegen ihrer Verbrechen während der Nazizeit. Sie verführt einen Minderjährigen, lässt zu, dass er sich bei einem gemeinsamen Urlaub finanziell übernimmt, bringt ihn in zahlreiche Gewissenskonflikte, erwidert die Offenheit und Naivität des Jungen mit Unehrlichkeit und Verschlossenheit, demütigt ihn, schlägt ihn sogar mit einem Ledergürtel und verschwindet ohne Abschied und Begründung. Schon dafür hätte sie eine Bestrafung verdient. Was außer ihrem Körper ist denn an ihr liebenswert? Die Nische, die ihr das Jungchen einräumt, hat sie nicht verdient.

Wenigstens ist sie nicht auch noch durchtrieben, was aber auf mangelnder Sensibilität beruht. Sie weiß nicht, wie sie sich vor Gericht verhalten müsste und zeigt statt Reue trotzigen Stolz. Die Strafe, die sie verbüßen muss, ist hart, sie mag gegenüber den zahlreichen milden Urteilen, die Schreibtischtäter erhielten, nur weil sie sich klüger verteidigen konnten, ungerecht sein, gegenüber den grausamen Verbrechen ist sie es nicht. Der Richter versucht, zwischen verschieden schweren Graden der Schuld zu differenzieren und bestraft die vermeintliche Anführerin Hanna Schmitz strenger als die anderen KZ-Aufseherinnen, doch die Beweislage ist schwach. Das Gericht kann der Schuld im Dritten Reich mit allen seinen Verwicklungen, Zwängen, Ängsten und Gewissensverbiegungen ohnehin nicht gerecht werden, es wäre über Jahre hinweg mit nichts anderem beschäftigt und am Ende trotzdem überfordert, deswegen ist das Strafmaß letztlich willkürlich. Was geschehen ist, ist kaum vorstellbar, und für solche schweren Verbrechen gibt es ohnehin keine angemessene Strafe, so wenig wie es für die Opfer Genugtuung geben kann. Die letzte Überlebende begnügt sich mit einer Teedose. Die Selbstgerechtigkeit des Richters ist bedenklich.

Das ungleiche Liebespaar geht ein paar Monate zusammen ins Bett, alles andere ist unmöglich, keine Partnerschaft, keine Zukunft, nicht mal ein ehrliches Gespräch - eine trostlose Liebesgeschichte. Hannas Leben ist noch trostloser: Verbrechen, Strafe, Einsamkeit, Tod. In diesem Roman gibt es nur schwache Lichtblicke:

Die Nische für Hanna ist demütigend, aber auch eine Gnade. Sie ermöglicht ihr, Lesen zu lernen und sich mehr mit der Vergangenheit zu befassen, als sie nur zu verscheuchen. Sie ist mit der Strafe einverstanden, sie möchte sühnen. Doch weil sie mit niemandem über ihre Schuld sprechen kann (und dies auch nicht versucht), wird sie nicht fertig damit. Sie glaubt, nur den Toten Rechenschaft schuldig zu sein, und das ist, selbst wenn dies nur eine Schutzbehauptung gegen die Vorwürfe der Lebenden sein sollte, entschieden zu wenig. Denn neben den Toten gibt es auch die verletzt Überlebenden, die Trauernden, die an den Folgen Leidenden, die unschuldig Betroffenen - und das Jungchen.

Ein anderer schwacher Lichtblick ist die Güte. Als Michael Berg Hannas Wunsch entsprechend der letzten Überlebenden die Ersparnisse anbietet, damit sie entscheide, was damit geschehen soll, lehnt diese ab. Sie will Hanna Schmitz nicht die Absolution erteilen. Berg erklärt ihr, dass Hanna nicht nur sühnen, sondern ihrem Gefängnisaufenthalt einen Sinn geben wollte. Er fragt sie: Können Sie ihr (Hanna) nicht die Anerkennung ohne die Absolution geben? Nachdem sie erfährt, dass auch Michael Berg in gewisser Weise ein Opfer von Hanna Schmitz ist, lacht sie: Sie können ja, wenn Ihnen die Anerkennung sehr wichtig ist, das Geld im Namen von Hanna Schmitz überweisen. Sie hätte das zwar nicht verhindern können, es stünde ihr auch nicht zu, denn sie kann ja nicht stellvertretend für die anderen Opfer sprechen, aber immerhin erspart sie ihm damit einen weiteren Konflikt.

Die Schuldigen sühnen, die Opfer sind gütig und die Unschuldigen vermitteln. Manchmal geht es, anders geht es nicht.