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Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes

Das Buch, das gute Buch! Bildungsbürger und Bücherkult. Ja, sogar einen Friedhof der vergessenen Bücher gibt es hier und einen Geheimbund von kauzigen Antiquaren, die verhindern, dass die Bücher verschwinden. Wie nett! - Andrerseits kann man so natürlich auch den schnöden Handel mit gebrauchten Büchern umschreiben, den Ankauf & Verkauf.

Dem jugendlichen Icherzähler wird im Morgennebel eine riesige Bibliothek geöffnet, ein Geheimnis anvertraut und feierlich eine lebenslange Verantwortung übertragen. Das Initiationsritual der Antiquarenzunft? Zumindest vermittelt auf diese Weise der Buchhändler seinem Sohn kurz vor dessen Pubertät, also gerade zur rechten Zeit, das nötige Schlüsselerlebnis, damit dieser Mythos von der Welt der Bücher in dem Jungen keime und festwachse, bevor er sich selbst sucht und die Wirklichkeit entdeckt: ... wenn jemand den Blick über die Seiten gleiten läßt, wächst sein Geist und wird stark. So wird der Junge belehrt - und dem Leser die Rechtfertigung dafür geliefert, dass er seine wertvolle Zeit mit diesem Roman vertreibt. Kurzum, ich habe das Buch erstmal beiseite gelegt, denn ich mag keine Eigenwerbung.

Der erste Eindruck jedoch täuscht; denn der Beginn des Romans ist aus der Sicht eines 11-Jährigen geschrieben. In diesem Alter weiß man noch nicht, dass viele Kunden, die alte Bücher kaufen, sie gar nicht lesen wollen, sondern oft nur Erstausgabenjäger und Vollständigkeitssammler sind. Der Icherzähler ahnt noch nicht, dass Lesen auch Problemverdrängung bedeuten, dass die schönen alten Bücher auch dem Dünkel dienen und dass Wissen auch Ohnmacht erzeugen kann. Tatsächlich scheinen mit zunehmender Reife des Icherzählers auch die Einsichten komplexer und die Personen lebensechter zu werden. Allerdings muss erst noch die vorhersehbar langweilige Liebesleidgeschichte zwischen Daniel und Clara ein Ende nehmen, ehe der Roman Fahrt aufnimmt.

Die zunehmende Differenziertheit der Betrachtungen ist jedoch nicht unbedingt mit der zunehmenden Reife des Icherzählers zu erklären, sie geht nur mit ihr einher. Daniel bleibt während des ganzen Romans jugendlich naiv und idealistisch. Für die größere Differenziertheit gibt es andere Gründe: der eine ist ein Kunstgriff, der andere Erzählkunst.

Der Kunstgriff, den wortgewandten, lebenserfahrenen und trotzdem lebensfrohen Fermín einzustellen, erweist sich als Glücksgriff und zwar in mehrfacher Hinsicht: erstens für den Buchladen, zweitens für die Entwicklung von Daniel und drittens für den Roman. Durch Fermin wird auch der gesellschaftliche Hintergrund, der das Verhalten der Personen mitbestimmt, etwas deutlicher. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind gekennzeichnet durch Werteverfall, Unsicherheit und Unfreiheit. Die alten Werte werden nicht mehr gelebt, der Grundsatz "Ehre nur dem, dem sie gebührt" gilt nicht mehr. Das Anrecht auf Ehre wird durch scheinheilige Prüderie erworben und die Verletzung der falschen Ehre mit roher Gewalt verteidigt. Andere Lebensanschauungen werden nicht geduldet. Das fängt ganz oben im Staat an und setzt sich fort bis ins Privatleben, bis zu den Kindern sogar. Verletztes Ehrgefühl wird brutal gerächt. Der Hutmacher schlägt seine Frau, Senior Aldaya seine Tochter Penelope, Adrián Neris den chancenlosen Nebenbuhler Daniel, die Polizei prügelt auf offener Straße und foltert in den Gefängnissen. Das muss hingenommen werden. Niemand wehrt sich, niemand beschwert sich. Zweimal schlägt Tobiás seinen einzigen Schulfreund blutig, das erste Mal, weil Daniel seine Schwester nicht mag und das zweite Mal, weil er sie mag. Daniel verzeiht ihm sowohl das erste als auch das zweite Mal.

Was ist das für eine Welt? - Es ist jedenfalls keine Welt der Vernünftigen und Besonnenen. Der Autor verzichtet (zu Recht) auf die Schilderung der historischen Umstände, ein Roman ist schließlich kein Geschichtsbuch. Die Jahreszahlen in den Kapitelüberschriften geben Auskunft. Der Roman spielt in der Zeit zwischen dem Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs und der Militärdiktatur Francos in der Nachkriegszeit.

Nachdem der Roman Fahrt aufgenommen hat, wird er zu einem Thriller im besten Sinne. Bei dem Versuch, mehr über den geheimnisumwobenen Schriftsteller zu erfahren, für dessen Roman der Icherzähler als Junge die Verantwortung zur Bewahrung übernommen hat, verwickeln sich die Lebensläufe der beiden und werden immer ähnlicher. Die anfangs meist karikaturhaft gezeichneten Figuren des Romans gewinnen allmählich an Individualität und Glaubwürdigkeit. Ihr Verhalten und ihre Äußerungen werden erst nach und nach verständlich durch die Erinnerungen und die Geschichten, in die sie der Autor verwickelt. Das ist ein Meisterstück der Erzählkunst und deswegen hat der Roman auch Furore gemacht.

Etwas störend finde ich jedoch, dass der Roman quasi schon seine Verfilmung vorbereitet: die Szenen im Aldaya-Haus, der Mann mit dem verbrannten Gesicht, die Prügelszenen, die düstere Altenverwahranstalt, die Bibliothek. Für spektakuläre Kamerabilder ist jedenfalls gesorgt. Auch das ausschweifende Happy-End erinnert mich an Hollywood. Alles klärt sich auf: der Bösewicht Fumero ist tot, Carax schreibt wieder, Fermin übernimmt die Bibliothek und der Icherzähler lebt mit seiner Bea glücklich und bescheiden in seinem Buchladen. Und ein Sohn, der jetzt so alt ist, wie der Icherzähler zu Beginn war, fehlt natürlich auch nicht. Die letzte Szene ist die Wiederholung der ersten: Ein Vater geht mit seinem Sohn zum Friedhof der vergessenen Bücher. Eine runde Sache. Der gesellschaftliche Hintergrund jedoch - Bürgerkrieg und Militärdiktatur - wird einfach weggeschoben wie die Winterdekoration im Schaufenster, wenn der Frühling naht. Dabei war - der Roman endet im Jahr 1966 - Franco mit seinen Fumeros noch weitere 9 Jahre an der Macht.