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Philip Roth: Der menschliche Makel

 

Der Autor hat die Namen seiner Protagonisten mit Bedacht gewählt, darum zunächst ein Blick ins Wörterbuch - und ein bisschen Phantasie:

Coleman Silk, Spitzname Silky Silk:
Silky: seidig, samtig, glatt, (bedrohlich) sanfte (Stimme) ein geschmeidiger (Boxer), ein aalglatter (Karrierist)?
Col: 1. die Spalte
2. der Pass, der Sattel
ein Mann, der dem Tal der Schwarzen, in das er hineingeboren wurde, zu entkommen versucht?
Delphine Roux:
Roux: 1. rotblond, fuchsig
2. kritische Zeit (in der Ehe), Zeit der späten Nachfröste
ein listiger, berechnender Mensch, der kaltschnäuzig argumentiert?
Delphine  Delfin ein wendiges, intelligentes Tier?
Faunia Farley:
Faunia Fauna, die Tierwelt ein Mensch, der sich der Natur und seinen Gesetzen verbundener fühlt als der Menschenwelt und ihren Zwecken?
Nathan Zuckerman:
Nathan Nathan der Weise (G. E. Lessing) ein toleranter Mensch, der alle zu verstehen versucht?


Die Kontrahenten Coleman Silk und Delphine Roux haben mehr Gemeinsamkeiten, als sie ahnen. Sie sehen beide gut aus. Beide halten sich für einzigartig und beziehen ihr Selbstwertgefühl aus dem Glauben, sich aus eigener Kraft von ihrem Makel, den Fesseln ihrer Abstammung, gelöst zu haben, er aus dem Neger-Wir, wie es an einer Stelle heißt, sie aus der Tradition der adligen Walincourts. Beide zeichnen sich durch übertriebenen Ehrgeiz und Karrieredenken aus.

Der menschliche Makel bezieht sich nicht allein darauf, dass es in der Zeit, als Coleman seinen Entschluss fasste, als Weißer zu leben, in Amerika ein schwerer Makel war, ein Schwarzer zu sein oder von Schwarzen abzustammen. (Der Titel hätte dann eher Der Makel heißen müssen.) Mit dem menschlichen Makel ist alles gemeint, was die Menschen als solches ansehen, was sie nicht wahrhaben wollen und von dem sie sich gerne befreien würden. Der größte Makel der Menschen ist jedoch das, was jedem Menschen eigen ist und ihn gegenüber der Natur auszeichnet: das Denken, der Verstand, der Intellekt, denn dieser Makel ist es, der die anderen Makel definiert. Coleman und vor allem Faunia glauben, sich durch Sex (wenigstens zeitweise) davon befreien zu können.

Faunia versucht den Makel des Menschen zu mildern, indem sie sich als Analphabetin ausgibt und niedrigste Arbeiten verrichtet. Um dem Vorwurf zu entgehen, er wolle sie belehren, behauptet Coleman: Ich werde dich nur um so leidenschaftlicher vögeln, weil du nicht lesen kannst. - Gut, sagte sie, dann verstehen wir uns also. Ich vögele nicht wie diese belesenen Frauen, und ich will nicht gevögelt werden, als wäre ich eine. Als Coleman ihr sagt, dass ihr Tanz mehr für ihn bedeutet als Sex, antwortet sie: Ich brauche eigentlich einen Mann, der älter ist als du. Dem diese Liebesscheiße gründlich ausgetrieben worden ist. An späterer Stelle schenkt sie einer Krähe den 300-Dollar-Ring, den sie von Coleman (als Symbol der Liebesscheiße?) bekommen hat. Faunia: Die Berührung mit uns Menschen hinterläßt einen Makel. Doch auch die Phantasie der Reinheit ist ekelhaft, da der Makel unvermeidlich ist. Die Quelle der Machtausübung und Unterdrückung ist die Fähigkeit lesen zu können, der Verstand, der Intellekt, das was den Menschen vom Tier unterscheidet.

Coleman hätte schon seit Jahren in den wohlverdienten Ruhestand gehen können - und, wenn man seine Ignoranz gegenüber seiner Studenten miteinbezieht, auch sollen. Denn auch wenn er als Wissenschaftler Recht hat, dass es Mumpitz ist, den Dramen der Antike den Makel der Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen, dann ist es ebenso seine Pflicht als Pädagoge, zu erklären, warum dieser Vorwurf Mumpitz ist. Und so verständlich es ist, dass sich ein 71 Jahre alter Professor nicht mehr auf jede Diskussion einlassen mag, die gerade in Mode kommt, so naheliegend ist es dann aber auch, das Lehren bleiben zu lassen und sich nur noch der wissenschaftlichen Arbeit zu widmen. Doch nachdem ihm zu Unrecht der Makel des Rassismus angeheftet und ihm deswegen die berufliche Anerkennung entzogen wurde und er auch keine Hoffnung mehr hat, sie je wieder zu erlangen, genehmigt er sich ein völlig anderes Leben. Plötzlich gefällt es ihm, sich gehen zu lassen, Nächte lang Jazz (schwarze Musik) zu hören und zu tanzen. Während seines Berufsleben hätte er sich wohl kaum erlaubt, übernächtigt in den Vorlesungen zu erscheinen. Coleman versucht mit seinen 71 Jahren, die Ausschweifungen nachzuholen, die er sich in seinem Leben versagt hat, er benutzt sogar künstliche Hilfsmittel, um mit Faunia länger vögeln zu können. Es stellt sich die Frage, ob er sich überhaupt noch für klassische Literatur interessiert. Ging es ihm sein ganzes bisheriges Leben denn nur um Anerkennung?

Delphine versucht nicht nur, ihre weibliche Erscheinung und ihre intellektuelle Ausstrahlung in Balance zu bringen, sondern für beides gleichzeitig höchstmögliche Bewunderung zu erzielen. Das ist ihr gutes Recht. Leider gelingt es der jungen Professorin Roux nicht, den hohen Anspruch, den sie an sich hat, mit ihrer Sehnsucht nach einem Mann zu vereinbaren. Das Denken versperrt ihr den Weg. Sie glaubt, weil sie sich selbst für so überaus geistreich und attraktiv hält, einen Mann finden zu müssen, der in jeder Hinsicht makellos ist und den sie als ebenbürtig betrachten kann. Ihre Kollegen in Athena dagegen bezeichnet sie in ihren Briefen nach Frankreich als kastrierte Ehemänner, als Weicheier und Windeln und deren Frauen als Speckschwarten (Grasses statt Gracés). Wegen ihrer Überheblichkeit ist es vergnüglich zu lesen, wie Delphine sich abmüht, eine Bekanntschaftsanzeige zu formulieren. Dass sie dann, eitel und ungeduldig, ausgerechnet die gewagteste Fassung versehentlich an das Kollegium anstatt an die Zeitung versendet, ist ein Sieg der Geilheit über die Vernunft, eine freud'sche Fehlleistung. Man merkt dieser Stelle an, dass sie dem Erzähler (und dem Autor) Spass bereitet hat, großzügig malt er sie aus. Delphine rauft sich tatsächlich die Haare und verliert in ihrer Furcht vor Hohn und Spott jegliche Fassung ...

Auch Les Farley ist ein Opfer des Denkens, genauer: der Folgen des Denkens, der Ideologie. Denn der Vietnamkrieg wurde aus ideologischen Gründen geführt. Man glaubte an den Dominosteineffekt: Fällt ein Land dem Kommunismus zu, reißt es das nächste mit sich. Les Farleys Makel heißt posttraumatische Belastungsstörung. Doch Les Farley ist nicht nur ein Opfer, er ist auch, aufgrund seiner eigenen Gedanken, ein Mörder. Er beißt nicht aus Angst wie ein Hund, den man gequält hat, er handelt nicht zur Selbstverteidigung und reagiert nicht reflexhaft (wie sich das gegenüber dem chinesischen Kellner im Harmony Palace allerdings androht), Les Farley "beißt" aufgrund seiner Überlegung, dass es ungerecht ist, wenn diejenigen, die in Vietnam waren, leiden müssen, während andere, die sich davor drücken konnten, das Leben genießen. Der Makel der anderen ist, dass sie keine posttraumatische Belastungsstörung haben.

Der Erzähler des Romans ist Nathan (der Weise). Er bringt für alle Figuren Verständnis auf, selbst für Les Farley. Doch Nathan Zuckerman ist aufgrund einer Krebsoperation impotent und inkontinent. Warum hat der Autor diese Lösung gewählt? Muss man impotent sein, um neutral bleiben zu können? Sind alle anderen gefangen im Konflikt zwischen Sex und Denken? Gibt es Makellosigkeit denn nur bei vollem Verlust des Triebes oder (wenigstens zeitweise) bei voller Hingabe an den Trieb? Oder wollte der Autor demonstrieren, dass man auch mit einem Makel einen wunderbaren Roman schreiben kann?

Zum Schluss noch ein Geldspartipp für ältere Männer: Würzen Sie Ihr Gemüsesüppchen mit viel weißem Pfeffer, denn weißer Pfeffer ist (einer Fernsehsendung zufolge) der Hauptbestandteil von Viagra. Sie werden staunen, wie rasch Sie das vom menschlichen Makel befreit!