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Philip Roth: Sabbaths Theater

Am siebten Tage sollst du ruhen ...

Als Sabbath das Alter des Ruhestands erreicht, muss er feststellen, dass er bei Null angekommen ist: kein Job, kein Geld, keine Gesundheit, keine Familie. Was tut man in einem solchen Fall? Sabbath macht sich auf den Weg zu seinem letzten Gönner Norman Cowan - und stößt ihn vor den Kopf. Dem guten Norman bleibt nichts anderes übrig, als Sabbath die Tür zu weisen.

Sabbath hat ein Faible für große Frauen. Erstens muss er das wohl, weil er selbst etwas kurz geraten ist, zweitens will der Autor zeigen, dass ein kleiner Mann für große Frauen attraktiv ist - und mehr noch: dass ein alter, fetter, hässlicher Mann, der zwanzig Jahre alte, abgewetzte Klamotten trägt, für junge Frauen unwiderstehlich ist. Er muss nur deutlich genug auf seinen Trieb hinweisen und beharrlich sein. Dass Sabbath über keinerlei Sensibilität verfügt, wird als animalisch interpretiert und erhöht den Reiz noch zusätzlich. (Was hat der Autor eigentlich für ein Frauenbild?) Im ganzen Roman gibt es nicht eine Frau, die Sabbath die Meinung sagt, und auch nicht eine, die sich ihm eindeutig und unmissverständlich verweigert. Die Widerstandslosigkeit der Frauen macht einen Mann widerlich. Sabbaths Erfolg beim anderen Geschlecht bestätigt sein sexualisiertes Weltbild, er wird zu einem dirty old man.

Sabbath hat sein ganzes Leben auf Sex ausgerichtet, anderes ist ihm nebensächlich. Da er sich nicht in andere Menschen hineinversetzen kann, meint er, dass alle, die nicht so triebhaft handeln wie er, sich etwas vormachen. Für ihn sind Rücksichtnahme, Höflichkeit, Diskretion, Achtung der Intimsphäre nur Anzeichen für falsche Sentimentalität, verlogene Moral und heuchlerische Prüderie. Darum wühlt er in der Unterwäsche fremder Leute. Darum glaubt er, alle Menschen entlarven und belehren zu müssen. Diesem Zweck dienen seine Reden, seine Provokationen, sein Theater, doch bei allem intellektuellen Scharfsinn, den er dabei aufbietet, er verteidigt nur seine egozentrische Weltsicht, denn die Konventionen der Gesellschaft sind ihm nicht zuwider, weil er sie für ungerecht hält, sondern weil sie ihn bei seiner Lustbefriedigung behindern.

In der Entzugsklinik trifft er Madeline, die ihm seine schonungslosen Fragen beantwortet, ohne sich zu schonen. Sie hat sich diese Fragen wohl schon oft genug selbst beantwortet. Sie hat keinen Stolz mehr, den er verletzen könnte, sie kann er nicht provozieren. Da gerät sogar der wortgewaltige Peiniger Sabbath ins Staunen. Er bewundert ihren Intellekt, und schon fährt ihm, der für jeden Reiz empfänglich ist, diese Bewunderung in die Hose. Sofort zeigt er wieder seine verantwortungslose Seite. Er beschafft der Alkoholabhängigen und Suizidgefährdeten ein Liter Wodka. Gift für sie, Sex für ihn; dieser Deal wird glücklicherweise von Wachmännern verhindert. Dass Sabbath mit der Wodkaflasche seine Frau Rosie, die in der Klinik gerade einen Entzug durchmacht, in Verdacht bringt und sie deswegen womöglich vorzeitig entlassen wird, ist ihm vollkommen gleichgültig. Er hält sowieso nichts von der Klinik; zynisch wettet er mit dem jungen Arzt Donald über die Blutdruckwerte der Patienten.

Sabbath verletzt seine Frau nicht nur durch seine Reden. Er geht jahrelang fremd und verursacht dann auch noch einen Skandal, der seine Frau im ganzen Ort blamiert. Nach seiner unehrenhaften Entlassung lässt er sich von ihr aushalten und bezahlt mit dem Geld seine Geliebten. Rosies Kinderwunsch hat er zeitlebens rigoros abgelehnt, und jetzt sie zu alt. Rosie hat Gründe genug, Trost im Alkohol zu suchen. Für Sabbath jedoch reduziert sich seine Mitschuld an ihrer Sucht auf ein gewöhnliches Eheproblem. Sie waren nicht die einzigen Eheleute auf der Welt, für die Mißtrauen und wechselseitige Abneigung das unzerstörbare Fundament einer langjährigen Verbindung bildeten. Nicht die einzigen, so einfach ist das. Und für die Entzugsklinik reduziert sich Rosies Alkoholismus auf ein Vaterproblem. Das ist genauso einfach. Arme Rosie!

Sabbath liest den Brief seiner Frau an ihren Vater (was geht ihn das eigentlich an?) und antwortet ihr mit einem bösen Brief, unterzeichnet mit: Dein Vater in der Hölle. Dad. Hier hat der Satan die Feder geführt. Sabbath mag mit diesem Brief die abstrusen Erklärungen theoriebesessener Psychotherapeuten verspotten wollen (er ist ja ein Verfechter naheliegenderer Wahrheiten), tatsächlich jedoch verspottet er damit nur seine verzweifelte Ehefrau.

Es gibt nicht viel, was man ihm zu Gute halten kann. Wenigstens besucht er regelmäßig seine an Krebs leidende Geliebte Drenka im Krankenhaus, obwohl sie nun nicht mehr attraktiv ist und ihm keine Lust mehr spenden kann. Seine Trauer um seinen Bruder Morty ist aufrichtig, auch wenn sie sich am Ende des Romans mit der sentimentalen Sehnsucht eines alten Mannes nach seiner verlorenen Kindheit vermischt. Man muss auch sehen, dass er als jugendlicher Matrose Frauen nur als Huren kennengelernt hat. Man kann ihm sogar noch anrechnen, dass es ihm zeitlebens nie um Geld und Macht gegangen ist. Doch sympathisch ist er deswegen nicht. Er ist zweifellos eine tragische Figur, aber keine, die mich zu Tränen rührt. Auch nicht am Ende des Romans, als seine Lage so aussichtlos wird, dass er sterben will und er das Geld, das er gestohlen hat, dafür verwendet, sich ein Grab in der Nähe seiner Eltern und seines Bruders zu kaufen.