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Viktor Pelewin: Buddhas kleiner Finger

... derselbe graue Himmel - eine alte, verschlissene Matratze, die unter dem Gewicht des schlafenden Gottes bis auf die Erde durchhing. Ein solcher Himmel lässt nichts Gutes erwarten, im Jahr 1918 so wenig wie im Jahr 1998. Die Zeit dazwischen dauerte ein Menschenalter, aber davon ist hier nicht die Rede, denn der Dichter und politische Kommissar Pjotr Pustota kann sich aus seiner Zeit nur retten, wenn ein ganzes Menschenalter dazwischen liegt, so dass ihm kein Zeitgenosse mehr schaden kann. Injektionen in den Körper gespritzt und Buddhas kleiner Finger auf die Welt gerichtet helfen bei Aussichtslosigkeit, bei kleineren Problemen tut es auch Alkohol oder Kokain (oder eine Gipsfigur).

Gott im Himmel schläft und auf der Erde herrscht Aufbruchstimmung. Die Helden des Aufbruchs fegen mit der Tatschanka durch die Steppe oder rollen mit einem 600er Mercedes über die Straßen. Sie sind es, die bestimmen, wie es weitergeht, denn sie wissen im voraus, woher der Wind pfeifen wird, so dass sich auch die Ansicht vertreten lässt, sie bestimmen, woher der Wind pfeift. Diese Helden sind es, die auf den Sockeln der Plätze stehen, wenn der Aufbruch vorbei ist und eben darum beschworen wird, die Götzen fürs Volk aus Stein oder Metall, vom Volk zu Witzfiguren erhoben und von Tauben beschissen. Einer von ihnen ist Wassili Tschapajew. Natürlich ist dieser Mensch in Wirklichkeit weder ein Held noch eine Witzfigur gewesen, aber da die Wirklichkeit ohnehin nicht sichtbar ist, weil sie von der Wirklichkeit des Scheins überdeckt wird, könnte Wassili Tschapajew genauso gut auch als Meister des Seins und des Nichts leben oder gelebt haben - oder sagen wir einfach: erscheinen, da er ja quasi Unsterblichkeit erlangt hat. Neben Tschapajew, der erst am Ende zeigt, zu was er fähig ist, und ansonsten eher als philosophierender Schwätzer auftritt, gibt es auch andere Meister.

Der schwarze Baron ist der Beleuchter des Schattenreichs. Er lässt verschwinden, was ist und macht sichtbar, was nicht mehr ist; auf der Klinge seines Schwertes spiegelt sich die Vergangenheit. Sein Schwert ist aber nicht nur ein Spiegel, der Raum und Zeit überwindet, sondern auch ein Mordinstrument (obwohl der Revolver natürlich praktischer ist). Der schwarze Baron hat Zugang zur realen Welt wie der Tod, damit er sein Schattenreich mit Neuzugängen versorgen kann. Aber er ist wohl nicht der einzige, der dies kann, denn er beklagt sich über unerwünschte Bewohner seines Reichs. Er ist auch nicht so mächtig wie Tschapajew, der mit seinem Maschinengewehr sogar das Schattenreich vernichten kann. Denn hinterher bleibt (sagt der Baron) gar nichts mehr übrig, nicht einmal ein Nirgendwo.

Auch Kawabata ist ein Meister, allerdings ein sehr irdischer. Er beherrscht nicht das Sein und das Nichts wie Tschapajew, nicht die Perspektive über Raum- und Zeitgrenzen hinweg wie der Baron, sondern die Form als Mittel gegen das Chaos. Deswegen ist er so förmlich; ihm fehlt Melancholie und Humor. Er scherzt nur selten, und wenn, dann kündigt er das durch ein lautloses Lachen an, um dem Scherz das Unerwartete zu nehmen. Deswegen versteht er auch keine Witze. Ein Witz hat das Unerwartete zur Voraussetzung, und das Unerwartete kommt aus dem allgemeinen Chaos, das er so fürchtet. Kawabata ist ein Meister des Rituals, weil es ihm gelingt, Serdjuk zum Harikiri zu überreden, dem wertvollsten aller Rituale, denn dieses beweist, dass ein Ritual noch wertvoller sein kann als das eigene Leben. Allerdings gibt es für Kawabata noch etwas Wertvolleres: Geld. (Wenn es darum geht, brüllt er in den Telefonhörer hinein, da verliert er alle Förmlichkeit.)

Sogar das Filmidol Arnold Schwarzenegger tritt in diesem Roman als Meister auf, wenn er auch auf einem anderen Niveau agiert. Für den Schwulen Maria jedenfalls ist er einer.

Die Insassen des Irrenhauses sind Opfer von Meistern: Wolodin ist ein Opfer vom schwarzen Baron, Serdjuk von Kawabata und Maria von Schwarzenegger. Und Pjotr von Tschapajew. Oder ist Tschapajews sein Retter?

Pjotr ist intelligent. Intelligenz ist eine Eigenschaft, die sich darin äußert, dass derjenige, der sie benutzt, beliebige Standpunkte einnehmen kann. Pustota steht für die russische Intelligenzia. Fragen, die sich nicht eindeutig beantworten lassen, sind wichtiger als anerkannte Werte, weil diejenigen, die sie stellen, eigene Werte haben. Sie dürfen solche Fragen stellen, wenn sie andere dazu bringen, keine zu stellen. Dafür bekommen sie von den Mächtigen Werte. Sind die Intellektuellen Opfer oder Günstlinge der Macht?

Anna ist Maschinengewehrschützin, sie stellt keine Fragen. Daher lohnt es sich auch nicht, Fragen an sie zu stellen. Natürlich könnte man sich fragen, wie sie damit zufrieden sein kann, aber das wäre ja schon ein erster Gedanke an Weltverbesserung.