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Viktor Pelewin: Generation P

Tartarski bringt einiges mit, was für eine Karriere in der Werbebranche von Nutzen ist. Die Erfahrung der Armut und des allgemeinen Verfalls macht aus dem Schöngeist einen Materialisten, und dass er als Materialist so erfolgreich ist, hat er dem Wissen zu verdanken, das er sich als Schöngeist angeeignet hat. Zwar sind ihm von nun an Dollars wichtiger als Dichter und aus dem Dichter wird ein Texter, aber bekanntlich fördern Geld und Kultur sich ja gegenseitig, weil Kultur immer Geld braucht, sich mit Kultur aber auch Geld verdienen lässt. Tartarski wildert bedenkenlos in seinem Wissensschatz über das Wahre, Schöne, Gute, reißt Zusammenhänge auseinander, verdreht Bedeutungen, zwingt Unvereinbares zusammen, um den potentiellen Konsumenten (Oranus (Mundarsch)) zum Kaufen zu animieren - Hauptsache, der Rubel rollt - nein, ganz falsch, Hauptsache, der Dollar beult - seine Hosentasche, Brieftasche, Aktentasche, etc. Gewissenskonflikte hat er dabei nicht, weil er an nichts mehr glaubt, und schon gar nicht an das, was er einmal zu wissen glaubte.

Tartarski muss sich um keine Familie kümmern, er hat auch keine Freundin. Sieht man von seinem Drogenkonsum ab, hat er eigentlich kein Privatleben; er widmet sich ganz der Erfüllung der Aufträge. Die Furcht vor Armut macht ihn auch unempfindlich für Demütigungen; er hält mit seinem Wissen zurück und lässt sich von seinen Vorgesetzten belehren. Er lernt rasch, was von ihm verlangt wird. Bei einer Ausstellung erscheint er sogar, ohne zu wissen, warum man das von ihm verlangt, nackt. Für eine mittlere Karriere in dieser Branche mag es aussreichen, ein junger, intelligenter und gewissenloser Streber zu sein, aber Tartarski kann mehr.

Er sieht die Ungerechtigkeit der Verhältnisse und er versteht die Gefühle der kleinen Leute. Tartarski ist entsetzt über die Ermordung seiner Kollegen, und er ist verstört, als er erfährt, dass die Politiker im Fernsehen nur digitale Trugbilder sind. An seinem Erfolgsstreben und seiner Anpassungfähigkeit ändern diese Einsichten freilich nichts, aber immerhin: er hat noch Bodenkontakt. Vielleicht sind viele seiner Treatments gerade deswegen so erfolgreich. Tartarski ist kein Verbrecher wie einige seiner Kollegen, sondern nur ein Spieler, der ein gutes Blatt ausreizt, aber sehr wohl weiß, dass er auch wieder schlechte Karten bekommen kann; nicht nur einmal rechnet er damit, dass seine Karriere zu Ende ist und er wieder in der Gosse landet. Er betrachtet sich nicht als etwas Besseres, er hebt nicht ab wie Asadowski, der seinem Hamster Orden anklebt; er spielt nur möglichst effektiv die Rolle, die ihm Dollars einbringt. Dass er sich dabei selbst untreu wird, berührt ihn nicht weiter, er hat keine Selbstachtung mehr.

Natürlich fördert er die Verhältnisse, von denen er getrieben wird, mit seiner Arbeit selbst. Wenn ein Land, wie er einmal feststellt, nichts produziert, kann nur umverteilt werden, was da ist, und diejenigen, die es dabei zu etwas bringen, müssen es anderen wegnehmen. Das klingt logisch, aber die Verhältnisse sind komplizierter, denn es sind ja westliche Produkte, die da gepusht werden, und es halten westliche Auftrageber das Ende der langen Kette, und sie sind es, die diese Verhältnisse finanzieren - oder drosseln, wenn die Angeketteten nicht mitspielen. Unüberbietbar ist der Einfall des Autors, die Echtheitswirkung der Politiker im Fernsehen von der von den Amerikanern zugestandenen Taktrate der amerikanischen Rechner im Lügenpalast abhängig zu machen, und es ist köstlich, wie sich der Intellektuelle Girejew mit einem auf den Kopf gestellten Fernsehapparat dagegen wehrt. Der Buddhismus kennt drei Arten fernzusehen - Girejew noch zwei mehr.

Tartarski ist keine sympathische Figur, aber wenigstens kann er sich noch wundern, zum Beispiel über eine Ausstellung ohne Ausstellungsstücke, die lediglich den Erwerb der Ausstellungsstücke ausstellt (Beglaubigungen von Notariaten mit deutschen Namen). "Es ist die allerneueste Tendenz im Ausstellungsdesign", bestätigte Alla. "Monetaristischer Minimalismus". Am Ende wird Tartarski erst nackt durch die Ausstellung geführt, dann lässt man ihn für eine ihm unbekannte Zeremonie in einen buschigen Rock schlüpfen und in ein künstliches Auge schauen, während hinter ihm sein Chef ermordet wird. Nach dem Verbrechen folgt die Beförderung. Er darf sich nun Liebhaber der Großen Göttin nennen und sich (solange, bis er selbst ermordet wird) auf den Chefsessel setzen. Dafür bekommt er mehr Dollars als je zuvor.

Tartarski muss noch viel lernen. Zum Beispiel begreift er noch nicht, warum ihm niemand sagen kann, wer dieses Chaos regiert. Von welchem Fiesling stammt das Script? - Die Antwort ist einfach, er muss sich nur fragen, was ihn regiert.