HOME

Cees Nooteboom: Ein Lied von Schein und Sein

Die Erstausgabe stammt von 1981, die Postmoderne kam damals in Mode, das Politische in der Literatur wurde beiläufig, das Spielerische wurde wichtiger, mithin das Spiel mit verschiedenen Bedeutungsebenen und der Selbstreflexion. Der Roman versucht eine Balance zwischen der Ebene des Schreibenden, der über sich und seinen Schreibprozess nachdenkt (und von seinem Kollegen deswegen kritisiert wird), und der Ebene des Geschriebenen, einer konventionell erzählten (und orginellen) Geschichte.

Die Nachteile dieser Form: erstens wird der Leser bei jedem Ebenenwechsel aus der Illusion gerissen, zweitens bereitet sie dem Schreibenden mehr Mühe, was dazu führen kann, dass er zu wenig schreibt. Das ist der Kern der Kritik, die sein konventionell schreibender Kollege - mit offensichtlicher Genugtuung - äußert.

Der Autor hat sich dieses Mehr an Mühe gemacht. Er hat die beiden Ebenen miteinander verknüpft, nicht nur dadurch, das der Icherzähler gerade an der Geschichte über den bulgarischen Oberst schreibt und damit den Leser seinen Schreibprozess begleiten lässt. Der Icherzähler fährt nach Rom wie vor hundert Jahren sein Oberst. (Welche Stadt eignete sich besser zu diesem Zweck als das "ewige" Rom?) Er erlebt den Sonnenuntergang wie der Oberst, er besichtigt das Forum Romanum wie der Oberst und er denkt über Geschichte nach - nein, natürlich nicht wie der Oberst. Der Icherzähler lebt ein wenig wie der Oberst, aber so einfältig wie seine Figur ist er nicht, und nach Bulgarien fährt er auch nicht. Soweit reicht die Identifikation dann doch nicht. Dafür taucht der Icherzähler sogar selbst in der Geschichte auf, obwohl sie doch vor hundert Jahren spielt. ... und keiner der drei sah, ... daß hinter der soeben von ihnen verlassenen Kutsche eine andere wegfuhr, in der ein Fremder saß, dessen Kleider noch ausgefallener waren, als ihre eigenen. Solche Stellen sind amüsant zu lesen.

Der Autor geht mit dieser Form ein hohes Wagnis ein, denn wenn sein Icherzähler einen höheren Anspruch ans Schreiben hat als sein Kollege, dann muss der Autor ihn einlösen. (Der Autor ist natürlich geschickt: Der Icherzähler äußert seinen höheren Anspruch nicht selbst und lässt die Kritik fast kommentarlos über sich ergehen.) Dass der Icherzähler am Ende seinen Roman wegen einer (kleinen?) Störung zerreißt und danach sogar verbrennt, rechtfertigt keinen schwachen Roman (auch wenn die Fassung, die wir lesen, nur eine in Fleißarbeit entstandene Rekonstruktion sein kann, die natürlich nicht an die grandiose Orginalfassung heranreicht.) Die Leser können nur über die vorliegende Fassung urteilen. Aber sagt die heftige Reaktion des Icherzählers, als er durch das Telefonat aus seiner Illusion gerissen wird, nicht auch etwas aus über die Reaktion des Lesers, der beim Wechsel der Bedeutungsebenen aus seiner Illusion gerissen wird? - Oder darf ich Sie direkt fragen: Haben Sie den Roman zerrissen?