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Cees Nooteboom: Allerseelen

Vor ein paar Jahren habe ich gelesen, den Roman der deutschen Wiedervereinigung habe ein Holländer geschrieben, nur habe der Autor mitten im Roman das Thema gewechselt und eine Liebesgeschichte angehängt. Wenn ich mich richtig erinnere, war damit Nootebooms Allerseelen gemeint, und entsprechend skeptisch habe ich die ersten Seiten des Romans gelesen.

Zunächst schien sich mein Verdacht zu bestätigen. Die Deutschen stehen bei Rot an der Ampel, der Museumswärter schreit den Besucher, der versehentlich einen Alarm auslöst, im Stakkato-Deutsch an, die Protagonisten essen Schlachtplatte mit Sauerkraut und Pfälzer Saumagen, und ein Professor spricht über Nitzsche. Bei weniger Voreingenommenheit lösen sich die Klischees jedoch rasch auf. Die rustikale Gaststätte erweist sich als gutbürgerliches Restaurant und die Protagonisten als gebildete Europäer. Der deutsche Gelehrte Arno Tieck ist kein Doktor Faustus und predigt auch nicht den Übermenschen, sondern wird gezeigt als geistreicher Mensch mit Humor und sensibler Freund, der Hilfe leistet. Der Roman handelt auch weniger von der deutschen Wiedervereinigung und seinen Verdauungskrämpfen, es geht um Geschichte an sich. Berlin wurde als Schauplatz gewählt, weil hier die Geschichte des letzten Jahrhunderts wie kaum anderswo noch offen vor Augen liegt und weil sie hier so schnell wie kaum anderswo auch verbaut wird. Und die Liebesgeschichte bewirkt keinen Wechsel, sondern eine Vertiefung des Themas.

Elik Oranje bezeichnet sich als Weltmeisterin im Abschiednehmen, tatsächlich jedoch weicht sie dem Abschiednehmen nur aus, indem sie wortlos verschwindet, aber unangemeldet wieder auftaucht oder eine Fährte legt, wo sie zu finden ist. Während sie durch Bindungslosigkeit versucht, sich vor Trauer zu schützen, versucht Arthur Daane seine Trauer zu bekämpfen, indem er das Unwiederbringliche im Moment seines Verschwindens im Film festhält. Um Gefühle zu vermeiden, sucht Elik die Geschichte dort, wo sie nichts mehr mit ihrer eigenen, verletzenden Gegenwart zu tun hat und nur noch Fakten entdeckt werden können, während Arthur den sinnlich wahrgenommenen, aber vom Verstand weitgehend unbeachteten Teil der Gegenwart dokumentiert, weil dieser Teil nämlich nicht in die Fakten eingehen wird.

Elik: Ist das Absurde (der Geschichte) nun tragisch oder komisch? In zweihundert Jahren, wenn die Gefühle verschwunden sind, bleibt nur die Idiotie übrig, die Ansprüche, die Argumente, die Rechtfertigungen ... Das hier (der ehemalige Todesstreifen an der Mauer) braucht nicht erforscht zu werden, das wissen wir.
Arthur: Geschichte begann demnach also erst, wenn die Menschen, die etwas damit zu tun hatten, daraus verschwunden waren. Wenn sie die Fiktionen der Historiker nicht mehr stören konnten. Folglich würde man nie wissen, was wirklich passiert war.

Sowohl Eliks als auch Athurs Vorhaben bieten wenig Aussicht auf Erfolg:
Die Gegenwart ist zu reichhaltig, um sie in Filmdosen packen zu können. - Elik: Die Erinnerungen können nicht genauso lange dauern wie die Ereignisse selbst. Wenn die Vergangenheit sich nicht abnutzen darf, geht es nicht weiter.
Die Fakten aus der Regentschaft der Königin Urraca sind zu dürftig, um ein wahrheitsgemäßes Bild jener Zeit liefern zu können. - Arthur: Was stimmte noch? Hier hatte sich das Drama jedenfalls abgenutzt ... Es gibt keine Gültigkeit der Erinnerung mehr, niemand wird mehr davon berührt.

Nur die Toten wissen, wie es wirklich war:
Das Buch, das ihr (die Lebenden) schreibt, ist die Fälschung des Buches, das wir immerzu lesen müssen. Nennt es Kunst, Wissenschaft, Satire, Ironie - es ist der Spiegel, in dem immer nur ein Teil sichtbar ist. Wir vergessen nichts, sogar die entfernteste Angst, Stimmung, Bedrohung von damals und einst ist für uns eine Tatsache, völlig gegenwärtig, nicht auszulöschen. Bei uns hat alles seine Länge, sein eigenes spezifisches Gewicht. Wir können nichts resümieren, konzentrieren, abstrahieren. Die einzigen Helden seid ihr. An uns ist nichts heldenhaftes. Wir sind eine registrierende Instanz, ohne Macht, für die Vergangenheit und Gegenwart eins ist.

Diese Fähigkeiten macht sich der Autor zunutze, indem er statt des allwissenden Erzählers den Chor der Toten einsetzt.