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Harry Mulisch: Das Attentat

Schöne Aussicht, Freiruh, Niegedacht, Ruhehort, welch kunstvolle Namen für einfache Häuser! Nur die Bedeutung von Freiruh erklärt der Autor, nämlich "frei von Ruhe". Doch auch die anderen Hausnamen lassen sich eigentlich nur zynisch deuten: Eine "schöne Aussicht" haben die Beumers, nachdem die Nazis das Nachbarhaus niedergebrannt haben! Und "nie gedacht" hätte man von den Kortewegs, dass sie den Steenwijks eine Leiche vor die Haustür legen würden. Das Haus Ruhehort dient zwar drei Juden als Zuflucht, sozusagen als "Hort", wo sie "Ruhe" vor den Nazis haben, aber natürlich herrscht im Haus der Aarts nicht Ruhe sondern Furcht, insbesondere die Furcht, nicht in Ruhe gelassen zu werden.

Fast 40 Jahre dauert es, bis sich das verstreute Wissen der Beteiligten zu einem Bild zusammensetzen lässt, und käme nicht der Zufall zu Hilfe, käme die Wahrheit nie ins Bild. Dass die Beteiligten nach so vielen Jahren der Verheimlichung das Bedürfnis haben, sich von der Last der Verheimlichung zu befreien, ist verständlich, aber der Zufall muss ihnen schon die Gelegenheit dazu verschaffen, damit sie sich überwinden können. Sie suchen Anton Steenwijk, den einzigen Überlebenden der grausigen Nacht, nicht von sich aus auf, um ihm die Wahrheit zu sagen, er muss ihnen schon über den Weg laufen. Und das kann auch in einem kleinen Land und in einer so eng gebauten Stadt wie Amsterdam sehr lange dauern.

Auch Anton Steenwijk, der an allem völlig unschuldig ist, verdrängt, was war. Die Verdrängung ist ja nicht nur eine Folge von Schuldgefühlen, auch leidvolle Erfahrung will begraben sein. Auch Anton versucht, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Aber die Fragen ruhen nicht, sie bohren Löcher in die Vergangenheit. Stoßen sie dabei ins Leere, dann füllen Vorstellungen und Albträume die Wissenslücken. Das Bild lässt sich nicht vermeiden, was fehlt oder unstimmig ist, ersetzt die Phantasie. Aber die Phantasie ersetzt das Wissen nicht, das Bild bleibt zweifelhaft, die Fragen bohren weiter.

Der Roman zeigt, wie schwer Vergangenheitsbewältigung sein kann, aber auch wie notwendig. Laß uns nicht drumrumreden. Du willst es loswerden, und ich will es hören, sagt Anton zu Karin. Aber die Wahrheit ist kein Allheilmittel. Im Gegensatz zu Anton, der trotz seiner Vergangenheit sein Leben einigermaßen meistert, haben es die anderen, die sich schuldig fühlen (müssen), schwerer. Korteweg flieht nach Neuseeland und bringt sich um, Takes säuft wegen Truus, von Karin erfährt man nicht viel, sie sagt nur, dass ihr Leben ganz anders verlaufen wäre, wenn die Nazis auch ihr Haus niedergebrannt hätten. (Sie hätte sich dann weniger mitschuldig gefühlt.) Warum sie nie verheiratet gewesen ist und warum sie mit schwierigen Kindern gearbeitet hat, darüber kann man nur spekulieren. Vielleicht war das so eine Art Sühne für sie.

Am Ende legt man den Roman befriedigt beiseite wie einen Krimi. Der Fall ist gelöst. Was fehlt, kann der Roman nicht leisten, ohne ins Unermessliche auszuufern: die Aufarbeitung der Schuld der an diesem Fall beteiligten Nazis.