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Terézia Mora: Alle Tage

Nema ist sein Name, Abel sein Vorname. Nemec bedeutet in slawischen Sprachen der Stumme, erklärt die Autorin, Abel ist der Sanftmütige, sagt die Bibel. Erst nach und nach erfährt der Leser, welche Schicksalsschläge den Sanftmütigen stumm machten.

In der Schulzeit spaziert er an den freien Nachmittagen fünf Jahre lang neben seinem einzigen Freund Ilia her. Als er ihm seine Liebe gesteht, gesteht er damit auch ein, dass er schwul ist. Ilia sagt nur: Ich weiß. Das weiß er vermutlich schon lange, aber es scheint ihn nicht bekümmert zu haben, solange es nicht ausgesprochen wurde. Als Abel nach dieser kühlen Antwort die Knie weich werden, sagt Ilia genervt und verächtlich nur: Na!

Das ist ein schwerer Schlag für Abel, aber bei weitem nicht der einzige. Zählen wir die wichtigsten auf: Verlust des Vaters, Verlust des einzigen und heimlich geliebten Freundes, Trennung von der Mutter, Verlust der Heimat, erstens durch die Zerstörung, zweitens durch Flucht.

Nema ist ein Fremder, der nirgendwo zu Hause ist, weil er sich mit keinem Ort anfreundet (er verirrt sich leicht) und weil er sich auf niemanden mehr als unbedingt nötig einlässt, um Verlust, Vereinnahmung oder Demütigung zu vermeiden. Von Bora wird er unabsichtlich zwar, aber beinahe umgebracht, von der launischen Kinga wird er wie ein Schoßhündchen gehalten und schläft in einer Ecke auf dem Boden, von den Musikern wird er verachtet und nur geduldet wegen Kinga, beim Metzger wird er in einem Abstellraum untergebracht, bei Thanos in einem illegal ausgebauten Dachgeschoss. Nema macht es sich nirgendwo gemütlich, und das einzige, was er sich aneignet, sind Sprachen. (Es ist ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, dass einem das niemand mehr nehmen kann ...)

Den Großteil seiner Sprachkenntnisse erwirbt sich Nema im Sprachlabor, von Tonbändern. Professor Tibor: Deswegen ist alles, was er sagt, ... ohne Ort, so klar, wie man es noch nie gehört hat, kein Akzent, kein Dialekt, nichts - er spricht wie einer, der nirgends herkommt. Zehn Sprachen bringt er sich bei, aber man gewinnt nicht den Eindruck, dass ihm das Freude macht oder dass er ein bestimmtes Berufsziel verfolgt. Eher scheint er sich sein Stipendium sichern zu wollen, indem er viel mehr leistet, als man erwarten kann. Tatsächlich jedoch erwartet man nicht viel von ihm. Vermutlich erhält er das Stipendium nur, weil sich Professor Tibor - als Landsmann des Flüchtlings - verpflichtet fühlt und sein Budget das zulässt. Ansonsten kümmert er sich nicht um den Studenten, noch nicht mal bei der Wohnungssuche ist er ihm behilflich.

Nema geht Konflikten wie Einladungen aus dem Weg; er mischt sich nicht ein, er bringt sich nicht ein. Seine distanzierte Höflichkeit ist schlecht kaschierte Teilnahmslosigkeit. Deswegen mag man ihn nicht besonders. Nur Frauen werfen immer wieder ein Auge auf die hochgewachsene, schlanke Gestalt mit den schönen Augen (die etwas versprechen, was er nicht halten kann). Doch als es um seine Aufenthaltsgenehmigung geht und er den Ausländerbehörden den Familienvater vorspielen muss, erweist er sich - es ist das Letzte, was ihm der Leser zugetraut hätte - als begabter Schauspieler.

Ein Unnahbarer, der Nähe sucht, ist besonders verletzlich. Das Mitleid hält sich jedoch in Grenzen, wenn ein Päderast armselige Gassenjungen benutzt und dabei von ihnen selbst ausgenutzt wird. Was ihm dann allerdings am Ende angetan wird, hat damit nur insoweit etwas zu tun, als dass den Tätern bekannt ist, dass er sich als wehrloses Opfer eignet. Im Gegensatz zur Kreuzigung im christlichen Glauben ist seine Hinrichtung keine Erlösung, für niemanden. Die Welt bleibt ungastlich, der Gast muss bezahlen, mitunter sogar mit seinem Körper und mit seinem Geist. Es ist gut, sagt Abel voller Erleichterung. Das hört man natürlich gerne, wenn man nichts ändern kann. Doch das sagt man auch, wenn man aufgegeben hat.