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Patrick Modiano: Ruinenblüten

Was macht den Reiz eines Romans aus, der einem mysteriösen Doppelselbstmord aus Großvaters Zeit nachgeht, wobei dem Leser von vornherein klar ist, dass er keine Aufklärung mehr erwarten darf. Moderne Methoden der Kriminalistik oder der Geschichtswissenschaft werden nicht eingesetzt, der Icherzähler kommt als Privatmann. Zudem ist der Icherzähler diesem Fall in seiner Jugend nachgegangen, und nun, ein Viertjahrhundert später, sind die letzten Zeugen entweder gestorben oder ihre Aussagen müssen als unzuverlässig eingestuft werden. Die Geschäfte und Gaststätten, die Cafés und Kinos, die damaligen Treffpunkte existieren schon längst nicht mehr, ganze Stadtviertel sind abgerissen und neu aufgebaut worden oder haben ihren Charakter von Grund auf verändert. Der Leser verfolgt ein ziemlich aussichtloses Unterfangen.

Das Erstaunliche ist, dass man überhaupt noch etwas über jene "tragische Orgie" von 1933 erfahren kann. Der Leser erfährt jedoch keine neuen Erkenntnisse des Icherzählers, sondern nur seine Erinnerungen aus der Jugendzeit. Diese Erinnerungen beinhalten auch die Gespräche mit Leuten, die - damals schon alt - sich an ihre Jugendzeit erinnert haben. Dieses Sammelsurium von teils unzusammenhängenden, unzuverlässigen und manchmal auch unglaubwürdigen Erinnerungen über drei Generationen hinweg ist das Material des Romans.

Der Icherzähler führt seine Leser durch die Straßen von Paris wie ein Burgführer die Besucher durch die Gänge einer Burg:

Sehen Sie den Eingang dort oben am Burgfried? In dem Raum dahinter haben sich zwei junge Eheleute umgebracht, warum weiß man nicht. Am Abend vorher sollen sie noch in dem Raum, wo sie sich jetzt befinden, getanzt haben. Auf dem Plan steht zwar, hier habe sich ein Stall befunden, das ist auch richtig, aber sehen Sie die prächtig verzierte rote Treppe da hinten? Die ist sicher nicht für das Vieh gebaut worden. Sie muss einmal, bevor dieser Raum zum Stall umfunktioniert wurde, zu den Gemächern hinaufgeführt haben. Und woher weiß man, dass sie getanzt haben? Aus einem Schreiben des Pfarrers an den Bischof, der den Tod der beiden jungen Eheleute zum Anlass nahm, sich über das unzüchtige Treiben auf der Burg zu beklagen. Das Schreiben existiert nicht mehr, aber es muss damals in aller Munde gewesen sein, denn die Bauern nahmen später darauf Bezug, als sich weigerten, dem Burgherrn Abgaben zu entrichten. Wenn wir nach der Besichtigung im Gasthaus zur Krone einkehren, dann lesen Sie mal den Spruch auf dem Schild, das über dem Ausschank hängt: Des Pfarrers Feder ist so scharf wie die Axt des Bauern. Das Schild ist natürlich neu, aber es ist mündlich überliefert, dass dieser Spruch auf die damaligen Ereignisse zurückgeht.

Ich mag solche Führungen, auch wenn ich weiß, dass vieles von dem, was da erzählt wird, wissenschaftlichem Anspruch nicht genügt und für die Touristen zurechtgemacht ist. Ich will es auch gar nicht so genau wissen, manchmal genügt eine Anekdote, um sich das damalige Alltagsleben vorstellen zu können. Faktensammlungen sind Fundgruben für die Interpretation, doch ohne Interpretation finde ich sie langweilig. Patrick Modiano nennt die Straßennamen, aber ich habe erst gar nicht versucht, seine Wege (die vermuteten Wege der Menschen, an die er sich erinnert) mit dem Finger auf dem Stadtplan zu verfolgen. Sollte ich irgendwann mal wieder nach Paris kommen, werde ich andere Wege gehen, denn seit 1991, dem Erscheinungsdatum des Romans, hat sich schon wieder vieles verändert. Das einzige, was bleibt, sind die Erinnerungen, aber die auch nur für begrenzte Zeit. Die Zeit bis zum Verblassen der Erinnerungen hat dieser Roman ausgemessen, danach bleiben nur noch ein paar Gegenstände übrig.