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Ian McEwan: Der Zementgarten

Nach dem Tod der Mutter wird Julie in die Rolle der Ersatzmutter gedrängt, aber ein Teenager ist mit so einer Aufgabe überfordert. Julie ist gerade dabei, ihre Weiblichkeit auszuprobieren, die Mutterrolle ist ihr lästig, nur manchmal gefällt sie sich darin, es ähnelt einer Anprobe mit Blick in den Spiegel.

Die Kinder überforden sich gegenseitig, weil jedes mehr Hilfe und Zuwendung braucht, als es geben kann. Die Ratschläge, die die sterbende Mutter ihren Kindern noch gibt, erweisen sich als wenig hilfreich. Sie führen zu Fehleinschätzungen und falschen Entscheidungen.

Auch Derek ist mit seinen 23 Jahren noch nicht reif genug, um die Situation zu begreifen. Er ist durch Spiel und Wetten reich geworden, nicht durch Arbeit, und er ist ein Geck, dem die Mutter fünfzehn Hemden pro Woche bügeln muss. Die Feindseligkeit, mit der ihm Jack begegnet, nimmt er persönlich. Er begreift nicht, dass Julie ihrem Bruder Freundin und Mutter ersetzen muss, und dass Jack natürlich befürchtet, dass er sie verliert. Derek zeigt dem Jungen, wie gut er Billard spielen kann, und zeigt ihm dabei doch nur seine Eitelkeit. Er hätte versuchen sollen, mit dem Jungen zu reden. Als Derek die beiden Geschwister zusammen im Bett ertappt, fühlt er sich gedemütigt, dabei ist es wohl eher ein nachgeholtes Doktorspiel mit Lustprobe als ein Kennzeichen der Verkommenheit. Die Fürsorge fehlt, weniger die Erziehung.

Der äußere Eindruck ist freilich ein anderer: eine einzementierte Mutter im Keller, Inzest unter Teenagern, ein Junge als Transvestit im viel zu kleinen Gitterbett und ein Tagebuch, wo die Grobheiten von Jack verzeichnet sind. Das ist was für die Boulevardpresse. Der Leser des Romans weiß mehr.

Der Autor lässt Jack erzählen. Das ist eine kluge Wahl, denn Jack ist schwerer zu verstehen als die anderen. Zugleich umgeht der Autor damit der Versuchung, irgendetwas zu erläutern. Jack ist so sehr mit seiner Pubertät beschäftigt, dass er oft nur am Rande mitbekommt, was in den anderen vorgeht. Auch der Leser, der mit seiner Lebenserfahrung doch viel mehr wissen müsste als Jack, wird von den Reaktionen der Geschwister oft überrascht. Das abgelegene Haus und die langen Schulferien ermöglichen den Spielraum.

In meiner Ausgabe bin ich über ein paar sprachliche Schnitzer gestolpert, die sicher von der Übersetzung herrühren; ich habe sie für mich korrigiert und einfach weiter gelesen.