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Javier Marías: Morgen in der Schlacht denk an mich

Es gibt Leute, die ankündigen, eine unerhörte Begebenheit erzählen zu wollen, und dann sofort abschweifen und sich ständig selbst beim Reden kommentieren und vom Hundertsten zum Tausendsten kommen, aber nicht zum Punkt. Der Autor dieses Romans kommt sofort zum Punkt, zu der unerhörten Begebenheit, und geht dann - in Zeitlupe - den Verästelungen der Vor- und Nachgeschichte nach. Die Umkehrung des dramatischen Verlaufs ist ungewöhnlich und erfordert Geduld, und viele Leseratten, die diesen Roman lesen wollten, werden die über 400 Seiten nicht zu Ende gelesen haben - und deshalb die Pointe am Schluss des Romans, den atemraubenden Höhepunkt, verpassen.

Die vorsichtig umkreisende, allmähliche Annäherung an die Personen, an ihre Eigenschaften und Ansichten geschieht nicht ohne Grund. Der Erzähler will in ihre Privatsphäre eindringen. Marta stirbt, bevor Víctor sie richtig kennen lernt, darum versucht er, sie über ihre Angehörigen nachträglich kennen zu lernen. Dabei lässt er sich von seinem herumstreunenden, beziehungsreichen und daher immer gut informierten Berufskollegen Ruibérriz helfen, obwohl er dessen Hang zum Tratschen verachtet. Der Erzähler dagegen ist ein diskreter Schnüffler. Er ist diskret, denn er verschweigt, was er weiß, aber er ist auch ein Schnüffler, denn er geht nicht weg, wenn er fehl am Platze ist, er horcht. Als sich beim gemeinsamen Essen von Martas Verwandten ein Familienzwist entfacht, der ihn nichts angeht, bleibt er einfach sitzen, auch nach dem Essen noch, und danach spioniert er Martas Schwester Luisa bei ihren Einkäufen nach. Das ist kein Einzelfall. Der Erzähler schleicht sogar nachts ins Schlafzimmer seiner ehemaligen Frau Celia, weil er einen Verdacht (und noch einen Schlüssel) hat, und überrascht sie und ihren Freund beim Schlafen. Als die beiden ein Blitzschlag weckt, flüchtet der Erzähler wie ein Gespenst vor dem Licht oder wie ein Voyeur. Manchmal schnüffelt er sogar im Wortsinn (Bettzeug, BH, Koks).

Der zweite Grund für die Längen des Romans liegt in der Vorgehensweise des Autors. Er schildert die Charaktäre nicht durch Behauptung, sondern durch Anschauung. Sein Icherzähler weiß nicht mehr als der Leser. Der Autor mag allwissend sein, aber sein Icherzähler muss erst herausfinden, was es mit den Personen auf sich hat. Deshalb ist der Roman wie ein Kriminalroman aufgebaut: Schreckliches Ereignis, Ermittlung, Aufklärung. Freilich hat der Icherzähler keine Hausdurchsuchungserlaubnis, er muss sich seine Informationen eher wie ein Privatdetektiv oder wie ein Spion verschaffen, nur dass er dabei keine Verbrechen und Geheimdokumente aufdeckt, sondern menschliche Schwächen, Lügen, Scham. Der Leser, der ihn begleitet, wird dabei selbst zum Schnüffler.

Der dritte Grund ist naheliegend. Wer ständig herumschnüffelt, findet auch vieles heraus, was gar nicht interessiert, Belangloses und Binsenweisheiten zum Beispiel. Eitel breitet der Autor seine Fundsachen aus, doch weniger wäre mehr. Der Leser muss schon etwas Geduld und Spürsinn aufbringen, um auf diesem Flohmarkt das Wertvolle zu finden.