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Dieter Kühn: Beethoven und der schwarze Geiger

Historische Geschehnisse und überlieferte Anekdoten sind der Boden, auf dem der Roman gewachsen ist. Den Mulatten Brigdetower, Geiger im Dienst des Herzogs von Wales, hat es tatsächlich gegeben. Beethoven, damals um die 33 Jahre alt, komponierte für ihn die Kreutzersonate. "Die erste Aufführung soll angeblich nur Gelächter ausgelöst haben; daß Brigdetower, mit dem sich Beethoven eines Mädchens halber entzweit haben soll, ein ungewöhnlicher Geiger war, erhellt daraus, daß er im Konzert Passagen dazu improvisierte, so daß Beethoven aufsprang, ihn umarmte und rief: Noch einmal, mein lieber Bursch." (1)

Zwei Jahre später folgte das Zerwürfniss mit seinem Mäzen Fürst Lichnowsky. Beethoven war durch nichts zu bewegen, "vor eingeladenen französischen Offizieren zu musizieren; eine angebliche Drohung mit Hausrarrest soll Beethoven zur Flucht bei Nacht und Nebel veranlaßt haben. Zu Hause angelangt, habe er die Büste des Fürsten zerschmettert und dem langjährigen Mäzen geschrieben: Fürst! Was Sie sind, sind sie durch Zufall und Geburt, was ich bin, bin ich durch mich ..." Ein solcher Brief ist nicht erhalten, aber Beethoven hat dem Fürsten Lichnowsky seitdem kein Werk mehr gewidmet. (2)

Ludwig van Beethoven gehört nicht zu den Künstlern, die von ihren Zeitgenossen verkannt, in Armut ihr Leben der Kunst buchstäblich opfern mussten. Er war schon mit 25 Jahren in der Lage, als freischaffender Klaviervirtuose und Komponist für sich selbst zu sorgen, und er konnte sich seinen Mäzen aussuchen, denn in der damaligen Kulturhauptstadt Wien gab es viele miteinander konkurrierende Reiche und Adlige. Beethoven musste vor niemandem buckeln. Hätte er es gemusst - man kann sich so einen Beethoven schwer vorstellen -, was wäre dann aus seiner Musik geworden?

Es ist natürlich reizvoll, eine so selbstbewusste, freiheitsliebende und so berühmte Künstlerpersönlichkeit, der man seiner Musik wegen alle seine Allüren, Marotten und Beleidigungen, seinen Trotz und seine Unbeherrschtheit durchgehen lässt, verschiedenen Zwangs- und Grenzsituationen auszusetzen, um den wirklichen Menschen zu zeigen.

Beispiele. Der Autor liefert ihn einem afrikanischen Stammeshäuptling aus, der in einer rundfunklosen Zeit natürlich nicht die geringste Ahnung haben kann, wen er da vor sich hat. "Der König der Töne" wird von Speerträgern im Zelt festgehalten, weil der Häuptling scharf auf das seltsame Ding ist, dessen Nadel immer in dieselbe Richtung zeigt. Wie reagiert Beethoven, wenn er weder fliehen, noch sich wehren kann und wenn weder eine Büste bereitsteht, die er zerschmettern könnte, noch ein Brief geschrieben werden kann, mit dem er sich an seinem Peiniger rächen könnte? - Wie verhält er sich, er, der Aufrichtigkeit zwischen den Menschen fordert, wenn er wochenlang gezwungen ist, mit einem Maskierten zusammenzusein, dem er, weil der gut bewacht wird, nicht einfach die Maske vom Gesicht reißen kann? Wie kommt Beethoven mit einem "Kollegen" zurecht, dessen durchdringendes Dudelsackgepfeife sich bestens dazu eignet, auch weniger musikalische Ohren auf die Nerven zu fallen? Wie zeigt sich Beethoven, wenn er bis über beide Ohren verliebt ist, aber die Geliebte ihn in ein Wechselbad der Gefühle stürzt und ihn wochenlang hinhält? Wie erträgt der kompakte Rheinländer die Hitze der afrikanischen Savanne?

Es ist schon eine ganze Menge, was der Autor seinem Beethoven zumutet. Den wirklichen Beethoven lernt man dabei natürlich nicht kennen, wer das möchte, sollte lieber eine Biografie lesen. Doch warum liest man dann den Roman?

Der Icherzähler Bridgetower spielt eine eigene Rolle, sogar eine Hauptrolle, er ist nicht nur der Chronist. Dieter Kühn versucht, das Interesse zeitweise von der berühmten Hauptfigur ab und auf die anderen Personen zu ziehen und natürlich auf die Handlung. Denn es ist ja ein vollwertiger Roman, nicht nur eine Charakterstudie. Es besteht jedoch die Gefahr, dass man den Roman als Charakterstudie liest, weil Beethoven mit all seinen menschlichen Schwächen und Stärken einfach zu interessant ist. - Aber ist er das wirklich? Oder ist er nur deshalb so interessant, weil man etwas über den wirklichen Beethoven erfahren möchte?

Dieter Kühn hat alles hineingepackt in den Roman, was Spannung verspricht: eine Reise in ein exotisches Land, ein maskierter Begleiter, Seeräuber und Seegefechte, eine fast bis zum Schluss noch unentschiedene Liebesbeziehung, eine Safari mit Überfällen und Gefangennahme. Das alles jedoch reicht nicht aus, Beethoven bleibt durch den ganzen Roman hindurch der eigentliche Magnet des Interesses. Wäre er es auch dann noch, wenn es den wirklichen Beethoven gar nicht gegeben hätte? Hätten Sie den Roman auch dann noch gelesen? Ich kann die Frage nicht beantworten, darum stelle ich Sie ihnen. (Klicken Sie mal rechts auf QUIZ.)

(1) Fritz Zobeley: Ludwig van Beethoven, Biografie, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, März 1965, hier Seite 62
(2) Siehe oben, hier Seite 75