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Brigitte Kronauer: Teufelsbrück

Zara Zoerns, die wirklich nicht mehr junge, aber umschwärmte Dame der Hamburger Oberschicht führt die Regie im Liebestheater. Als Objekt der Begierde bietet sie ihren Gigolo an, den schmalhüftigen Leo mit dem Verbrechergesicht. Kulisse und Utensilien des Theaters sind exzentrisch: eine Villa im Vögelgezwitscher, eine Sammlung für Schuhfetischisten, ein Altar, auf dessen Flügeln das Leben Jesu von Tieren dargestellt wird, eine Bibliothek mit Heiligenlegenden, ein Minikino, in dem die beschwerliche Paarung von Riesenschildkröten zu sehen ist. Kunstverstand ist hier nicht gefragt, sondern Staunenkönnen über Seltenheit und Ausgefallenheit. In Zaras Volieren tummeln sich zahlreiche exotische Vögel, aber auch ganz gewöhnliche sind darunter (z.B. Maria). Das Trällern, Gepfeife und Gezirpe ist den ganzen Roman hindurch zu vernehmen, doch der Gesang der Gefangenen bedeutet Sehnsucht, nicht Erfüllung. Und wenn Sehnsucht in Schwelgerei, Faszination in Euphorie, Gefühl in Sentimentalität umkippt, dann ruft die Meisterin der Illussion zur Räson: Schluss jetzt!

Die mächtige Intrigantin und Verführerin ist keine Liebes- oder Schicksalgöttin. Das zeigt die Szene im EEZ, als Zara auf ihren extra hohen Pumps, und deswegen von einer Passantin absichtlich angerempelt, das Gleichgewicht verliert, auf die Bodenfliesen stürzt und hilflos liegen bleibt. Dieser Sturz hat nichts Göttliches und erscheint aus dieser Höhe sogar ein wenig tragisch, also menschlich, ist aber provoziert, nicht schicksalhafte Fügung, während Marias Sturz gleich auf der ersten Seite des Romans zwar eine Tragödie einleitet, aber zunächst nur so erscheint wie von Zara kommentiert: Wie blöd, wie blöd!

Tragödien enden im Gegensatz zu Märchen meistens unbefriedigend. Deswegen verliert das Aschenputtel seinen Prinz und hat am Ende gar - ruckedigu, Blut im Schuh. Denn die gute Maria folgt dem Verlorenen, aber hat zu empfindliche Füße, während die böse Zara zu dicke Fesseln hat, aber auch etwas zum Wechseln. Spaß beiseite. Was ist an Leo dran?

Schmale Hüften, Verbrechergesicht. In der Phantasie der reifen Frau aus dem kühlen Norden jedoch wird er zum Latin Lover, der sie mit südländischem Temperament an sich reißt wie eine junge, der sie beim Tango die Leidenschaft der Liebe fühlen lässt, ...

Okay, Leo ist sexy. Allerdings nicht im Bett. Der plumbe Ingenör hat dort nicht weniger zu bieten. Aus dem Schlafzimmer erfahren wir, dass Leo ein Faible dafür hat, seine Geliebte stückweise zu inspizieren, als handle es sich um einen Gegenstand, und dass er ihre Gesichtshaut verzieht, als prüfe er die Dehnbarkeit einer Gummimaske. Wie charmant! Was den eigenen Körper anbelangt, da ist er empfindlich. Spontan berühren, umarmen oder küssen, das gestattet er nicht, von Hingabe gar nicht zu reden. Eitelkeit mag Distanz. Die Icherzählerin schildert, wie sie darunter leidet, behauptet aber, sie wolle es so. Das glaube, wer will.

Unterhaltsam ist Leo nur, wenn man sich für die aktuelle Rangfolge der 50 Reichsten im Land oder für die Betrügereien der weniger Geschickten interessiert. Natürlich lässt er sich gern bewundern, aber ein Idealist, den man bewundern könnte, ist er nicht. Immerhin steht er im Ruf, ein Finanzgenie zu sein, aber wer stünde nicht in diesem Ruf, wenn er ein so großes Vermögen wie das von Zara verwalten dürfte? Hinzukommt, dass Zara ihm nicht blind vertraut, sondern selbst eingreift, wenn es um einen dicken Brocken geht. Sie ist wohl doch das größere Finanzgenie.

Bleibt noch zu erwähnen, dass Leo alles andere als feinfühlig ist: Doch sogleich gefallen hätte ich ihm, wenn auch nichts im Vergleich zu Zara, ehrlich gesagt. Und was sagt der Traummann, wenn er derjenige ist, der abgewiesen wird? Er beteuert seine Entschlossenheit, sich in Zara, komme was wolle, zu verbeißen, durch Gewalt und Spucke, Schmeichelei und Erpressung. Leidenschaft? Oh ja, wenn es um gekränkte Eitelkeit geht!

Was bleibt von Leo noch übrig, was liebenswert wäre? Sein Äußeres, beziehungsweise die Erfahrung, wie man sich selbst verändert, wenn man sich etwas vormacht. Denken wir an Sophie!

Nein, lassen wir Sophie aus dem Spiel, diese dumme Gans beendet es. Wenden wir uns lieber einem anderen Vogel zu, Specht, der unermüdlich an Marias Pforte pocht und dabei ganz wirr im Kopf wird. Zunächst ist es eine Äußerlichkeit, die Maria abstößt, sein Schnurrbart. Später sind es Zudringlichkeit, Selbstmitleid, Borniertheit, am Ende Verrücktheit. Da sieht man, was so ein Schnurrbart alles bedeuten kann. Maria, die ihn verachtet, mit ihm ausgeht, ihn blamiert, ihn wegschickt, wieder mit ihm ausgeht, ihn ignoriert, wieder mit ihm ausgeht, ihn wegschickt, fühlt sich völlig unschuldig an seinem Niedergang.

Kommen wir zum Schluss zum Wesentlichen, den Äußerlichkeiten. Sie sind es, die diese Geschichte voran und mitunter zum Stillstand bringen. Aus Pumps werden Kunstobjekte, aus einer alten Dame wird eine junge, aus einem müden Blick ein Schicksal, aus Vogelgesang der Chor einer Tragödie. Die Icherzählerin ist Designerin von Schmuck, die Autorin von Sprache. Die Erscheinungen enthalten eine Überfülle an möglichen Bedeutungen, und so ist auch der Roman geschrieben. Zudem muss alles in der Verwandlung betrachtet, begriffen, erklärt werden. Im Wechsel des Lichts werden auch Berge lebendig. Nur das Spiel des Wandels ermöglicht Leben. Darum ist Zara eine Zauberin und Sophie ein Spielverderber. Darum muss Specht, der gerne tief blicken lässt, aber selbst nicht sehen will, wahnsinnig werden. Wer etwas festhalten will, verliert es. Was fixiert wird, stirbt. In diesem Roman vermitteln das Betrachten und die Phantasie Bedeutung und Sinn, weniger das Handeln. Stünde die Handlung im Vordergrund, wäre der Roman ineffizient und zu abschweifig. Aber darum geht es eben nicht. Hier bestimmt die Sprache den Inhalt, nicht umgekehrt wie üblich.