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John Irving: Das Hotel in New Hampshire

Zwei Deutungsversuche:

Lasst die Bären los!
hieß der erste Roman von John Irving, und in seinem Roman Garp geht es auch nicht ohne Bären. John Irving hat eine Vorliebe für Bären, besonders für Zirkusbären, die auf Kommando Kunststücke zeigen, aber auch sehr eigensinnig sein können und einmal in Rage alles kurz und klein hauen. Ein Bär ist viel schneller, als man sich das vorstellt, hat furchtbar viel Kraft und ist schwer zu bändigen, neigt jedoch zur Tollpatschigkeit, ist nicht besonders klug und geht oft ziemlich stur seine eigenen Wege, bzw. bahnt sich einen. Die Hunde kommen bei John Irving meistens schlechter weg, weil sie dazu neigen, sich zu unterwerfen.

Gott! Welche Wildnis! ruft die deutsche Frau. Nach noch nicht einmal fünfundzwanzig Metern war der Bär auf dem Motorrad und wollte in seiner plumben Art hinter dem Deutschen. Ein Land, das sich frei herumlaufende Bären leisten kann, muss ein großes Land sein, aber dieser arrogante, reiche, häßliche Deutsche, ein Judenhasser auf amerikanischen Boden im Sommer 1939, wird nie erfahren, selbst falls man ihn nochmal zusammenflicken kann, dass sein unwillkommener Beifahrer kein wilder, sondern ein dressierter und auf das Motorrad fixierter Bär war. Mit diesem Bär fängt alles an. Obwohl Win Berry weiß, dass State o' Maine schon alt ist und kaum noch irgendwelche Kunststücke lernen wird und trotz der Warnung: Paßt auf mit Küssen, wenn er dabei ist; Küssen versteht er nicht, für ihn das Essen, bindet sich Win Berry einen Bären auf, denn er hofft, mit dem Bären rasch seine Studiengebühren zusammenzubringen an Orten, wo es mehr Betrunkene gab und wo das Geld für eine Nummer mit einem dressierten Bären lockerer saß als in dem versnobten Arbuthnot.

Auf dem Cover meiner Taschbuchausgabe wird der Roman als eine gefühlvolle Familiengeschichte bezeichnet, aber Bären sind nicht gefühlvoll. Der Familienname Berry ähnelt sicher nicht zufällig dem englischen Wort bear. Viele Helden des Romans haben etwas Bärenhaftes an sich: der Trainer Iowa-Bob, der Footballspieler Junior Jones, der Gewichtheber John (alle drei bärenstark) und Franny (wild, triebhaft und scheinbar permanent läufig) und natürlich Susie, allerdings nur, wenn sie ihre Verletzlichkeit unter einem dicken Bärenpelz tarnt. Frank ist ein Sonderfall: Er hat Kraft, weil er groß ist; kann aber mit dieser Kraft nichts anfangen, doch er ist einsam wie ein Bär und im Laufe des Romans legt er sich ein dickeres Fell zu. - Das sind die starken Personen des Romans. Freud ist zwar auch stark, braucht aber einen Bären dazu. Die Mutter ist nicht stark, weil sie ihrem Mann folgt wie ein Hund. Der von allen verehrte Vater ist eine schwache Figur und wird ein wenig belächelt. (Er erntet Respekt, als er den Radikalen mit dem Baseballschläger erschlägt.) Die Zwergin Lilly kann, weil körperlich zu schwach, auch als Schriftstellerin nicht durchhalten. Egg ist schwach, weil er halb taub und noch klein ist.

Wer überlebt? Natürlich die Bären: Jones, John, Franny, Susie und Frank. Iowa-Bob ist ein alter Bär, er muss sterben, allerdings zu früh. (Die Todesursache erscheint mir bei einem so sportlichen und gesunden Mann wenig glaubhaft.) Freud opfert sich, weil er, alt und blind, das Leben der Berrys über sein eigenes stellt. Der Vater überlebt, allerdings als Blinder und vollkommen abhängig von den Bären John und Frank. Die Mutter stirbt durch ein Unglück, ist aber zu diesem Zeitpunkt bereits so genervt und müde, dass sie ihren Kindern nur knappe Anweisungen gibt, und ihre Kinder gehorchen ihr sofort und ohne Widerspruch, vermutlich weil sie spüren, dass ihre Mutter nicht mehr kann. John träumt von ihrem Tod, sogar schon vor dem Unglück. Dabei kann die Mutter wohl kaum von der anstrengenden Kindererziehung so genervt und müde sein. Es ist wohl eher der bevorstehende Umzug und die Erwartung, dass sich ihr Mann mal wieder einen Bären aufbindet. Der kleine, hörbehinderte Egg muss zusammen mit der müden Mutter sterben. Lilly begeht Selbstmord, weil es ihr misslingt, die Bärenkraft, die sie nicht hat, sich einzubilden. - Was lernen wir daraus? Nur die bärenstarken Typen überleben. Survival of the fittest.

Im ganzen Roman geht es ums Körperliche und Triebhafte, um Sex und Gewalt, um Verdrängung und um Naivität. Hier werden keine intellektuellen Probleme gewälzt. Iowa-Bob meint: Alles Politische ist immer idiotisch! Die anderen sehen es genauso oder denken nicht darüber nach. Sieben Jahre lang halten die Berrys die Radikalen einfach nur für Spinner. Der Vater hat Jura studiert, aber was die Radikalen in seinem Wiener Hotel treiben, das interessiert ihn nicht, solange sie die Zimmer bezahlen. Wozu hat er studiert? Damit seine Frau sagen kann, mein Mann hat sein Examen in Harvard gemacht? Franny und John absolvieren ein Literaturstudium, doch das hat keinen Einfluss auf ihre verengte Sicht, auch nicht auf ihre Sprache: Franny wirft weiterhin mit unflätigen Kraftausdrücken um sich wie ein Pennäler und John würde es genauso tun, wenn er seiner Mutter nicht Besserung versprochen hätte. Sie interessieren sich eigentlich nur für Sex. Und Lilly flüchtet sich in die Literatur, weil sie als Zwerg wenig Chancen hat, einen Sexpartner zu finden. Frank kann sich zwar gut historische Fakten und Jahreszahlen merken, aber er zieht aus der Geschichte keine Schlüsse für die Gegenwart. Er vertritt keinen eigenen Standpunkt, sondern nur den jeweiligen Gegenstandpunkt, um die anderen zu überraschen. Ansonsten geht es ihm eher um Äußerlichkeiten wie historische Uniformen, weil er, ein Schwuler, seinen Körper nicht annehmen kann. Immerhin ist er der einzige, der aus seinem Studium etwas lernt, wenn es auch nur das Vermarkten einer verlogenen Familienstory ist. In der Familie spricht er am besten Deutsch, nicht seine Geschwister, von denen man es viel eher erwarten würde, da sie doch Literatur studieren. Was macht eigentlich sein Vater? Die wenigen Gäste, die in dem Hotel übernachten, außer den Radikalen und Nutten, um die er sich ohnehin nicht kümmert, dürften ihm kaum Arbeit machen. Was treibt er sieben Jahre lang? Warum finden seine Kinder in Österreich sieben Jahre lang keine Freunde? Ihre Sexpartner suchen sie ausschließlich in ihrem Hotel. Was in der Welt vorgeht, das interessiert sie nicht, nicht das Land, in dem sie leben, nicht die Leute und ihre Lebensart, nicht die Sprache, sie kennen kaum die Innenstadt, wo sie wohnen. Sie kommen aus ihrer Pubertät nicht heraus. Warum? Weil sie zu sehr behütet und zu wenig zur Selbstständigkeit angehalten wurden? - Im Gegenteil, sie wurden vernachlässigt!

In der Familie Berry bleiben die Kinder unter sich. Ihre Probleme werden verdrängt oder ignoriert. Die Eltern kümmern sich nicht um ihre Kinder, obwohl sie nicht allzuviel zu tun haben dürften in einem Hotel, wo nur selten Gäste übernachten. Und Personal haben sie ja auch noch. Doch die Stühle bleiben am Boden angeschraubt und die Sprechanlage wird nicht abgeschaltet, obwohl sie als Abhöranlage benutzt werden kann und von den Kindern auch dazu benutzt wird. Iowa-Bob, der sein ganzes Leben als Footballtrainer in der Dairy School arbeitet, bemerkt nichts von den Gewalttätigkeiten seiner Jungs auf dem Weg zum Sportplatz. Ihm geht es um Sport, nicht um Erziehung. Die Mutter lässt ihren Sohn Egg von ihren Kindern wickeln, und als Egg ein wenig älter ist, steckt sie ihn in Johns Zimmer, damit er bei seinem älteren Bruder schneller reift. Dass er halb taub ist, wird gerade noch registriert. Der Vater bekommt ohnehin nichts mit oder will nichts mitbekommen. Als Franny vergewaltigt wird, wird das von den Eltern verdrängt. Mit Lilly geht man zu einem trotteligen, alten Dorfarzt, und kümmert sich ansonsten nicht weiter um ihre Wachstumsstörungen. Der minderjährige John teilt wochenlang das Bett mit einer Hausangestellten, die ihm erst Appetit macht und sich dann bezahlen lässt, aber die Eltern bemerken davon nichts. Frank fühlt sich in seinem Körper unwohl, weil er entdeckt, das er schwul ist. Außer dem Vater und Egg wissen es alle, aber keiner spricht mit ihm darüber. Franny zieht ihn nur auf und verstärkt seine Hemmungen. Bei der Silvesterparty steht er draußen im Schnee und besäuft sich, aber das kümmert niemanden. Den Fremden, der so betrunken ist, dass er einzuschlafen droht, schickt John zurück in den Schnee, obwohl er weiß, dass er dort erfrieren kann. Als der Vater das bemerkt, meint er nur, so packt man das nicht an, aber John zu sagen, er solle den Betrunkenen, der ja noch nicht weit weg sein kann, suchen und ihn ins lebensrettende Hotel zurückbringen, auf die Idee kommt er nicht.

Als John von dem Terrorakt erfährt, der zum Saisonbeginn erfolgen soll, verständigt er nicht etwa die Polizei. Auch nachdem sich alle besprochen haben, holt niemand die Polizei. Es erkundigt sich auch niemand, wann die Saison beginnt. Stattdessen geht man erst mal mit den Nutten ins Bett. Sex ist ihnen wichtiger als die Bombendrohung. Außerdem möchte man noch schnell das Hotel verkaufen, ehe es nichts mehr wert ist, was ja nichts anderes heißt, als dass man den zukünftigen Besitzer übers Ohr hauen möchte. Franny nutzt die letzte Gelegenheit und geht mit Ernst, dem Anführer der Radikalen, ins Bett. Als es zu spät ist und sie als Geiseln genommen werden, haut der Vater den Anführer mit dem Baseballschläger tot, aber nicht in Notwehr, denn ein anderer hält ja die Pistole, sondern aus Rache, weil er die Ehre seiner Tochter, die sich schon lange selbst beschmutzt, beschmutzt sieht. Als der blinde Freud (woher weiß der das eigentlich und warum weiß der Vater davon nichts?) sich verabschiedet und nicht nur Frank, sondern der ganzen Lobby zuruft: Laß dir von keinem sagen, du seiest schwul! Du bist ein Prinz, Frank! muss der Vater wohl geistesabwesend sein, da er auch danach noch nicht zu ahnen scheint, dass sein Sohn Frank schwul ist. Andrerseits ist er geistesgegenwärtig genug, um Freud behilflich zu sein, indem er ihm aus dem Fenster zuruft, wo sich das Nummernschild befindet, mit dem sich Freud in die Luft jagen kann. Ich hätte als Reaktion eher lähmendes Entsetzen erwartet. Es gehört schon ein wenig Kaltblütigkeit dazu, dieses Opfer anzunehmen. Ganz abgesehen davon, dass auch Passanten oder Nachbarn dabei zerfetzt werden könnten. Hinterher weint Win über Freud, aber Schuldgefühle empfindet er nicht. Dabei hätte er nur die Polizei rechtzeitig alarmieren oder wenigstens das amerikanische Konsulat informieren müssen, das dann die notwendigen Schritte eingeleitet hätte. John hat die Anweisung bekommen, in dem Moment, wenn die Bombe explodiert, den Radikalen Arbeiter, der die Pistole hält, zu töten, und das führt er nun aus. Er quetscht ihn, auch dann noch, als er sieht, dass Arbeiter die Waffe fallen lässt und Lilly sie beiseite schafft, er quetscht ihn so lange, dass Lilly hinterher genau den Wechsel der Gesichtsfarbe des allmählich Zerquetschten beschreiben kann und Franny in der Zwischenzeit ihren Vater notdürftig versorgen kann und Frank zur Oper laufen und wieder zurücklaufen kann, und er hätte auch noch den Toten zerquetscht, wenn er nicht die neue Anweisung bekommen hätte: Du kannst ihn jetzt loslassen. - Reine Notwehr? Jedenfalls betreibt John danach sein Krafttraining nicht mehr so besessen wie vorher.

Nachdem die Familie Berry die Terroristen, ich zitiere John: in gutem amerikanischen Familienstil umgebracht hat, lässt sich der Vater im Opernsaal feiern und winkt dem Publikum mit dem Baseballschläger, anstatt dem Publikum mitzuteilen, dass Freud der eigentliche Held ist, wenn es schon die Presse nicht tut. Schämt er sich denn gar nicht? Aber zu diesem Zeitpunkt geht es schon wieder ums Geschäftliche. Die Lügenstory muss gepflegt werden, wenn man die Rechte an Lillys Roman teuer verkaufen will. Dass Lilly später an diesem Erfolg, den sie eigentlich gar nicht verdient hat, zerbrechen wird, weil sie ihn nachträglich durch einen anspruchsvollen Roman glaubt, rechtfertigen zu müssen, das wird als Schicksal hingenommen. Sie ist halt zerbrechlich, weil sie einen zu kleinen Körper hat und sich zu viele Gedanken macht. Sie gehört nicht zu den Bären, die starke Körper haben und sich keine Gedanken machen.

Franny rächt sich an Dove, bewacht von dem Bodyguard John, mit einem Schabernack. Nun ist das Happy end nicht mehr aufzuhalten. Der Loser Win bekommt das Hotel, wo seine Illusionen den Anfang nahmen und bemerkt noch nicht mal, dass nie Gäste da sind. Franny wird zum Star, weil sie Sexappeal hat - sie braucht nur sich selbst zu spielen, und wird beschützt vom Schwarzen Arm des Gesetzes (Junior Jones) und vermarktet vom anti-ideologischen Agenten Frank. John kann sich seinen Muskelpaketen widmen ohne sie zur Arbeit einsetzen zu müssen, und Susie, die plötzlich gar nicht mehr lesbisch ist, bekommt einen Mann, und beide bekommen ein Kind - gegen die gesellschaftliche Konvention verstoßend - geschenkt. Anything goes. Die Berrys haben es geschafft, sie sind Millionäre. Der Amerikanische Traum hat sich mal wieder erfüllt.

Einen schönen und kräftigen Körper muss man haben, selbstbezogen muss man sein und rücksichtslos, oberflächliche Gefühle haben, intellektuell beschränkt sein und die Realität verdrängen, dann ist man am Ende erfolgreich. Dieser Roman ist eine bitterböse Satire. Ich glaube, ich habe genügend Argumente für diese Deutung geliefert. - Ich werde jedoch den Verdacht nicht los, dass der Autor seinen Roman gar nicht als Satire sieht, sondern im Gegenteil für diese Art zu leben beim Leser um Verständnis werben will.

Meine Unsicherheit zwischen diesen beiden gegensätzlichen Auffassungen rührt daher, dass mir oft unklar ist, wer erzählt. Der Ich-Erzähler John Berry beschönigt das Verhalten seiner Familie, aber ich habe oft den Eindruck, der Autor John Irving möchte ihr Verhalten beschönigen. Das Problem ist nämlich, dass John Berry die Realität verdrängt und daher kein allzu scharfsinniger Beobachter sein kann, die unglaublichen Verdrängungsleistungen der Familie jedoch der Erklärung bedürfen, damit sie dem Leser plausibel erscheinen. Der Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass Autor und Ich-Erzähler denselben Vornamen tragen, und der Autor sich dabei ja etwas gedacht haben muss. Es gibt daher viele Stellen im Roman, bei denen es naheliegt, dass die Figur John das ausspricht, was auch der Autor John meint.

Was aber meint John?

Von den Österreichern erfahren wir wenig, allenfalls Schlechtes. Freud ist der einzige Mensch, mit dem die Berrys freundschaftlich verkehren, der nicht Amerikaner ist. Doch weshalb sollte sich ein Amerikaner für die Bewohner einer Jahrhunderte alten Kulturstadt wie Wien interessieren, wenn die Bewohner dieser Kulturstadt den Nazis zugejubelt haben? Und warum soll ein Amerikaner eine Sprache lernen, mit der Hitler die Volksmassen hinter sich gebracht hat? Die Österreicher werden beschrieben als sture Beamte (Straßenbahnschaffner), als unfreundliche Ladenbesitzer (die keinen Transportservice für die Hanteln bieten, die sie verkaufen), als Terroristen und Nutten. Freud sagt: Ihr kennt unsere Polizei mit ihren Gestapo-Methoden nicht. Dieser eine Satz reicht aus, um zu begründen, dass die Berrys darauf verzichten, die Bombendrohung der Polizei zu melden. Für den weltfremden Ich-Erzähler John Berry mag das ausreichen. Reicht das auch aus für John Irving, der zeitweise in Wien studiert hat? Was sagen die Leser in Österreich dazu?

Der Autor streut hin und wieder ein kurzes Gedicht ein, um John und Lilly intellektuell aufzuwerten, oder er lässt den Vater ein Bon-mot zum Besten geben, oder er schickt Frank und Franny in die Oper. Franks Interesse ist glaubhaft, aber bei Franny hat es mich überrascht. Genauso überrascht hat mich das Studium, das sie gewählt hat. Was hat sie eigentlich davon? Sie spricht nicht über Literatur. Ich habe keine Stelle im Roman gefunden, wo sie etwas liest. Dagegen ist bei John die Erklärung einfach: Er studiert das, was seine Schwester studiert, und weil er scharf auf die Radikale Fehlgeburt ist. Mir kommt dieses unvermittelte Interesse der Familie Berry an Kultur etwas aufgesetzt und unglaubwürdig vor (außer bei Frank und Lilly), zumal sie später, als sie wieder in Amerika leben, alle (bis auf Lilly) kein Interesse mehr daran haben. Da geht es ums Geld. John zitiert zwar manchmal ein paar Gedichtzeilen, aber das ist eher scherzhaft gemeint oder dient der Erinnerung an die gemeinsame Studienzeit. Liest John manchmal etwas? Der Roman schweigt sich darüber aus. Möglicherweise hat der Autor seine Figur John auch nur deswegen Literatur studieren lassen, damit der Ich-Erzähler später das literarische Scheitern seiner Schwester Lilly erklären kann. Doch kann er das?

Im Kalten Krieg lag das "Reich des Bösen" (Präsident Ronald Reagen) bekanntlich im kommunistischen Osten. Die Linksradikalen behaupten, der Zweck heilige die Mittel, in Wirklichkeit jedoch wollen sie nur ein Blutbad: Es ist nie der Zweck, der zählt - sie wollen nur das Mittel ... Schlagobers und Blut - sie lieben das alles. - Wer meint das, der Autor? Der Student John doch wohl, noch emotional aufgewühlt nach Geiselnahme und Bombenexplosion. Es ist verständlich, dass man sich nach so einem Erlebnis keine Gedanken über die Ziele der Radikalen macht. Bei kühlem Kopf ist dieser Standpunkt jedoch nicht haltbar, denn erstens verfolgen Terroristen durchaus politische Ziele, manche opfern auch ihr eigenes Leben dafür, zweitens sind politische Ziele nicht allein damit erledigt, dass sie mitunter von Terroristen in Anspruch genommen werden.

John Irving konfrontiert den Leser mit folgendem Gegensatz: Die einen kümmern sich nur um sich selbst und sind arglos, die anderen kümmern sich um die Gesellschaft und basteln Bomben. Dass auch eine Ideologie Sprengkraft haben kann, wenn die Gesellschaft die Gegenwart als unbefriedigend empfindet, wird ausgeblendet. Politische Thesen interessieren nicht, nur die Leute, die sie vertreten. Sind die Leute schlecht, müssen auch die Thesen schlecht sein. Wozu noch darüber nachdenken? Dabei übersieht man leicht, dass auch die Berrys einer Ideologie verhaftet sind, der Ideologie nämlich, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied sei. Die Konsequenz ist, dass die Unglücklichen nur bedauert werden, geholfen wird ihnen nicht. Wer sich Gedanken macht (wie Lilly), der kann nicht leben. Wer nach dem Glück jagt, der kann sich keine Gedanken machen (wie Win, John, Franny) - oder sich keine ernsthaften Gedanken machen (wie Frank). Die Gedankenlosen mögen arglos sein, aber harmlos sind sie nicht: sie handeln verantwortungslos. - Schade, dass Junior Jones und seine Schwester Sabrina Randfiguren bleiben, denn sie beweisen, dass man auch anders leben kann.

Am Schluss des Romans erläutert John (welcher John?), was er unter einem Bären, den man in sich trägt, versteht: Dieser Bär ist das, was man sich erträumt, an was man glaubt. Man muss besessen sein von diesem Bär, auch wenn es nur Illusionen sind wie bei Vater Berry, denn ist der Bär nur stark genug, dann sind am Ende auch die Erinnerungen gut. Und so träumen wir weiter gegen den Strom. So erfinden wir unser Leben. John (?) denkt dabei natürlich an die Berrys. Aber träumen nicht auch die Radikalen gegen den Strom und sind nicht auch sie besessen von ihrem Bären? Es klingt poetisch und ist ein schöner Schluss, aber so einfach ist es nicht, der Roman beweist es. Ich habe nur den Verdacht, dass er es gegen den Willen des Autors beweist.