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Maarten 't Hart: Das Wüten der ganzen Welt


Auf dem ersten Blatt meiner Taschenbuchausgabe wird unter der Überschrift Zu diesem Buch die Süddeutsche Zeitung zitiert: Ein gewaltiger, grandios komponierter Kriminalroman mit viel Lokalkolorit, dessen überraschende Wendung am Ende einem fast den Atem raubt.

Ich teile diese Meinung nicht. Den Atem hat mir das Buch eher am Anfang geraubt, während ich am Ende keine überraschende Wendung finden kann, sondern Folgerichtigkeit. Außerdem ist das Buch zwar ein Kriminalroman, aber mindestens genauso berechtigt auch ein Entwicklungs-, ein Heimatroman und ein Roman über die Wirkung von Musik.

Ich beschränke mich auf den kriminellen Aspekt. - Von einem Kriminalroman erwartet man, dass man die Lösung erst am Ende erfährt, und nicht wie hier schon in der ersten Hälfte: Alexander steht beim Apotheker mit Schal und Hut vor dem Spiegel und glaubt den Mörder zu erkennen. Was liegt näher, als dass der Sohn seinem Vater ähnlich sieht? Doch wer ist der Vater? Jedenfalls nicht der Lumpenhändler, wie wir gleich auf den ersten Seiten erfahren:
"... ich schon Ende Vierzig, du gerade vierzig, und doch noch so ein aposteltje, wer hätte je davon träumen mögen, wir hatten schon zwanzig Jahre darum gebetet,..."
Alexander ist musikalisch begabt, der Lumpenhändler gar nicht. Der begreift nicht einmal Alexanders Begabung, was man an dem penetranten Spaß mit der Papiertüte erkennen kann.

Wer ist musikalisch? Im Ort nur die Klavierlehrerin und der Apotheker, und letzterer kommt als Vater nicht in Betracht, da er ganz anders aussieht als Alexander und selbst gerne Kinder gehabt hätte, aber der jüdische Geigenvirtuose aus dem Prolog, dessen Flucht mit seiner jungen Frau von den Nazis vereitelt wurde, der schon. - Und warum wohl wurde dieser Prolog geschrieben?

Dass Rache das Motiv für den Mord ist, auch darauf wird schon vorzeitig hingewiesen, denn Vroomboot wird vom Apotheker als Verräter bezeichnet, der bei der Judenverfolgung mitgemacht hat. Ein Mord wegen seiner Bubengrappscherei wäre als Motiv einfach zu banal - nach so einem Prolog.

Der Mörder ist der Vater, das Motiv ist Rache, es fehlen nur noch die Details und die Beweise. Ich habe mir beim Lesen der zweiten Hälfte des Buches gesagt, da kommt ja noch die von der Süddeutschen Zeitung angekündigte überraschende Wendung, aber mit zunehmender Lektüre verdichtete sich der Anfangsverdacht zur Gewissheit, und wenn der Roman ein reiner Krimi wäre, hätte ich viele der nachfolgenden Szenen für überflüssig gehalten. - Sie sind natürlich keineswegs überflüssig, denn es geht auch um die Entwicklung eines gedemütigten jungen Mannes und um die Musik, wie sie sich durchsetzt, wie sie fremde Menschen zusammenbringt und wie sie ihr Gemüt beeinflusst und entlarvt.

Mit der überraschenden Wendung am Schluss sind vermutlich nur die geschickten Ausflüchte des Mörders gemeint. Doch es bleibt dabei, der Vater ist der Mörder. Gibt es noch einen anderen gewichtigen Grund, einen kleinen Jungen mit einer Leiche allein zu lassen, außer man ist selbst der Mörder? Mag sein, aber Alexanders Beobachtungen widersprechen der Behauptung von dem Schuss eines unbekannten Dritten.

"Ich sah ihn stehen, sah seine glühenden, dunklen Augen, ... sah auch die Gebärde, mit der er etwas auf mich richtete, sah auch, wie er mit der anderen Hand seinen Schal höher um seinen Mund zog."

1. Glühende Augen hat ein leidenschaftlicher Mörder, nicht ein erschreckter Zeuge.
2. Es ist kaum vorstellbar, dass ein Zeuge, der einen für ihn vollkommen unerwarteten Mord erlebt, als erste und spontane Reaktion mit dem Zeigefinger auf den anderen noch anwesenden Zeugen zeigt.
3. Ein Zeuge hat keinen Grund, sein Gesicht vor dem anderen Zeugen zu verbergen, indem er seinen Schal höherzieht.

Es war kein gemeinschaftlich geplanter Mord, wie die Bahnszene beweist, wo Minderhout mit Oberstein spricht und Alexander mithört. In Klammern steht meine Ergänzung.

"...Nun ja, der einzige, der vielleicht auch noch etwas wüßte, ist ... (tot - gemeint ist Vroomboot) Ich verstehe das überhaupt nicht, das hätte doch niemals passieren dürfen."
"Womit du recht hast, aber ..."
"Gut, natürlich dumm, hier davon anzufangen, nun ja, es kann nichts passieren, du fährst durch bis Hoek, und in ein paar Stunden sitzt du auf dem Schiff nach Harwich..."

Der einzige, der einen Mord hätte planen können, der umsichtige, alles bedenkende, alles organisierende Apotheker, war nicht an der Planung beteiligt.

Was ich an dem Schluss viel bemerkenswerter finde als die angekündigte überraschende Wendung, ist die Konsequenz: Der Sohn verschweigt seinem Vater, dass er sein Sohn ist, weil der Vater mit seinem Mord an Vroomboot bewiesen hat, dass er gar nicht mehr unbedingt wissen wollte, wo sein Kind geblieben war. Das wird später noch sehr viel deutlicher, als Oberstein auf die Frage, was er sagen würde, wenn er seinem Kind einmal begegnete, antwortet: "Nichts, gar nichts, ich werd' das Maul ganz fest zuhalten."

Maarten t'Hart liefert schwache Indizien, was den Mörder anbelangt, aber er lässt nicht den geringsten Zweifel aufkommen, wer der Vater ist: das schnelle Essen, die musikalische Begabung, die verblüffende Ähnlichkeit, und zuletzt die hochbeinige Mähre. - Alexander wird darüber nachzudenken haben, ob er seiner Ehefrau mitteilt, dass sie seine Halbschwester ist. Er wird sich fragen, ob ihm die Wahrheit den erhofften Befreiungsschlag eingebracht hat. Überhaupt zieht sich die Frage, ob die Wahrheit in jedem Fall ans Licht kommen sollte, durch den ganzen Roman hindurch. Aber das ist schon nicht mehr die Frage eines Krimis, und ich wollte mich ja auf den kriminellen Aspekt beschränken.