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Günter Grass: Katz und Maus

Joachim Mahlke wird ein Jahr später als andere eingeschult, denn Mutter und Tante halten den Jungen für kränklich. Vom Sportunterricht ist er befreit, er zeigt Atteste vor. Er kann weder Rad fahren, noch schwimmen. Das Lernen dagegen fällt ihm leicht. Ein Streber ist er aber nicht, er verpetzt niemanden und lässt abschreiben. Bis zu seinem 14. Lebensjahr fällt er nicht weiter auf, er ist nur eine graue Maus.

Mutter und Tante werden nach dem Tod des Vaters den "einzigen Mann im Haus" wohl etwas verwöhnt haben, womöglich sich dabei gegenseitig überbietend. Zudem wird dem Jungen die Männerrolle zugeschoben. Die beiden Frauen verstummen, wenn der Junge spricht, sie lassen sich belehren und zurechtweisen. Sie vermitteln Joachim ein überzogenes Selbstbild. Dem Jungen fehlt ein Vater mit Stärken und Schwächen, an dem er sich messen und reiben kann, doch vom Vater ist ihm nur der Held geblieben, der bei einem Zugunglück als Lokomotivführer das Schlimmste verhinderte und dabei ums Leben kam. Es ist verständlich, dass Joachim einen zu hohen Anspruch an sich hat und dabei höchst unsicher ist, dem gerecht werden zu können. Und weil zum Heldentum auch Angst gehört, sucht er Schutz bei einer starken Mutter, nicht bei der eigenen, die ist ängstlich, sondern bei der Jungfrau Maria. Sie vergöttert er, sie himmelt er an, während er seine leibliche Mutter ein wenig herablassend behandelt: "Zudem geht dich das wirklich nichts an, Mama. Wenn Papa noch lebte, wäre es ihm peinlich, und du dürftest nicht so sprechen." Wenn Papa noch lebte, dürfte der Junge wohl auch nicht so zu seiner Mutter sprechen. Beide Frauen gehorchtem ihm oder jenem verstorbenen Lokomotivführer ...

Sein Interesse an Mädchen ist gering. Für die Liebe ist er noch zu jung und das Imponiergehabe seiner Altersgenossen macht er nur mit, wenn er sich andernfalls blamieren würde. Weibliche Bewunderung ist er gewohnt, die braucht er nicht. Das macht ihn zwar interessant, aber auch unnahbar. Die Mädchen aus Berlin nennen ihn Herr Mahlke.

Die Bewunderung zu Hause ist zu leicht verdient, sie macht unsicher und verlegen. Mahlke braucht die Bestätigung von anderen. Als er in die Pubertät kommt, will er zeigen, was für ein toller Hecht er ist. Leicht fällt ihm das allerdings nicht, er strengt sich an, wirkt verkrampft, zeigt Leidensmiene. Er kann nicht albern sein wie die anderen, er muss ihnen voraus sein. Während sie sich in der Sonne rekeln, muss er tauchen, um etwas vorzeigen zu können. Im Laufe der Zeit erreicht er zwar die ersehnte Bestätigung, er wird gefeiert, er wird sogar zum Lebensretter und mit dem geklauten Orden zum Großen Mahlke, doch geliebt wird er nicht. Zu einer Freundschaft ist er auch gar nicht fähig. Seine "Freunde" sind für ihn Konkurrenten, die er übertreffen, und Zuschauer, die er verblüffen will. Er vertraut sich ihnen nicht an, er verschweigt, was ihn bewegt und was er vorhat. Die Kabine im Kahn, die er sich einrichtet, kann er mit niemanden teilen, er kann nur beweisen, dass es sie gibt. Mahlke lebt für sein Publikum und bleibt doch allein, und wenn er kein Publikum hat, schaut ihm die Jungfrau Maria zu.

Mahlke hat einen Makel, die Maus, den großen, beim Schlucken hüpfenden Adamsapfel. Vermutlich kommt Mahlke deswegen auf die abwegige Idee, ein Clown werden zu wollen, wegen Stehkragen und Riesenfliege. Aber ist es wirklich so, wie der Erzähler immer wieder behauptet, dass Mahlke nur diesen Makel zu kompensieren versucht? Kompensiert er nicht vielmehr seine Furcht, dem Selbstbild nicht genügen zu können und in Wahrheit kein Held zu sein, nicht der Große Mahlke, sondern nur eine graue Maus? Jedenfalls ist Mahlke nicht intelligent genug, um zu begreifen, dass das, was er sich um den Hals hängt, weniger den Makel verbirgt als die Blicke darauf lenkt. Und er ist noch nicht reif genug, um zu verstehen, dass wer sich zu viel aufhalst, zu wenig Luft bekommt. Sein Ehrgeiz wird ihm zum Verhängnis.

In Kriegszeiten ist Ehrgeiz gefährlich. Die Schulen erziehen ihren Schützlingen die Sekundärtugenden an, die ihnen später als Schützen abverlangt werden. Die Schützen, die überleben, werden zu Helden. Die Helden sind Vorbilder zum Verführen der Ehrgeizigen. Mahlkes Sucht, für seine Leistung bewundert zu werden, macht ihn zum Kriegshelden und zum Verlierer zugleich. Als die Schule ihren Helden nicht feiern will, geht er unter.

Am Ende war alles für die Katz. Die Katz kriegt die Maus. Der Krieg ist die Katz und Mahlke die Maus.