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Günter Grass: Im Krebsgang

Ferdinand Lassalle soll gesagt haben: Es ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer das laut zu sagen, was ist. Bekanntermaßen wagen das nur wenige. Immer zu sagen, was war, ist mitunter aber auch sehr schwer. Dennoch ist es notwendig, wie die Novelle zeigt. Sie zeigt aber auch, dass sie zu spät kommt. Andrerseits wäre diese Novelle gar nicht möglich, wenn sie nicht zu spät käme.

"Warum erst jetzt?" sagte jemand, der nicht ich bin.
Dieser jemand fragt nicht, er sagt es; denn er meint es als Vorwurf, der Angesprochene kommt ins Stottern, der Icherzähler ist sich seiner Schuld bewusst. Doch was hat sich der Icherzähler zu Schulden kommen lassen? Er überlebte den Untergang der Wilhelm Gustloff und wurde geboren, als sie versank. Lässt sich daraus eine Schuld ableiten?

Zunächst müssen einige Taue gelöst und aufgerollt werden, bis die Novelle die Fahrt aufnimmt. Berichtet wird der Mord des Studenten David Frankfurter am Parteifunktionär Wilhelm Gustloff und wie die Nazis daraus einen Heldentod inszenieren, berichtet wird vom Leben des U-Boot-Kommandanten Alexander Marinesko, bevor er das Schiff torpedieren lässt, und berichtet wird über die Meinungen, die ein paar Jugendliche über diese Ereignisse - fünfzig Jahre danach - im Internet verbreiten.

Die Mutter des Icherzählers hat die damaligen Ereignisse als junge Frau erlebt. Bei jeder Gelegenheit spricht sie davon, doch sie beschränkt sich auf das, was sie persönlich betrifft. Sie erzählt nur ihre eigene Geschichte, sie ist keine zuverlässige Zeitzeugin, denn sie sieht die Zusammenhänge nicht. Ihre Entschiedenheit resultiert aus ihrer Einfalt, und wenn einmal in irgendeinem Topf trübe Brühe brodelt, dann hat sie gleich den passenden Deckel zur Hand. Jeder Zweifel wird mit einem Spruch erledigt, und es gibt niemand, der ihr eine differenziertere Sichtweise entgegenhielte. Sie verkörpert das Volk, wie es die Herrschenden gerne haben: mit dem täglichen Leben vollauf beschäftigt und daher praktisch denkend, bei allem immer nur mit dem Herzen dabei - und daher für jede Ideologie zu missbrauchen. Sie will gefallen und sie kommt an bei den Männern, bei den Nazis und bei den Stalinisten. Und sie kommt immer durch, auch vor Gericht. Bedenkenlos schenkt sie ihrem Enkel eine Pistole, weil se main Konradchen perseenlich bedroht ham, die Glatzköppe. Verantwortung für ihr Handeln übernimmt sie nicht: Schwainerei is das! Jiebt kaine Jerechtichkait mehr. Nich das Jungchen, mich hätten se ainlochen jemußt ... Aber vor Jericht hat mir ja kainer jefragt, na, wo es herkommt, das Ding ...

Die Großmutter interpretiert die Vergangenheit, ohne sich informiert zu haben, und der Enkel sammelt Informationen, ohne sie interpretieren zu können. Was die Großmutter von sich gibt, steckt er in die Schubladen seiner Ideologie. Seine Mutter beteiligt sich nicht mehr an der Diskussion, obwohl sie als Lehrerin arbeitet, und der Vater beteiligt sich zu spät, obwohl er sich gerade intensiv mit diesem Thema beschäftigt. Doch die Geschichte ist gefährlich, denn sie ist nicht eindeutig und nicht die Summe der Fakten. Detailversessenheit trägt nur bedingt zu ihrem Verständnis bei. Darum ist die Geschichte eine Fundgrube für Geschichten. Darum muss die Geschichte, damit sie nicht auch eine Fundgrube für Irrtümer wird, diskutiert werden. Darum darf man ihre Interpretation nicht nur unreifen Alten und altklugen Jugendlichen überlassen. Das ist die Schuld.

Das sagt sich leicht und ist sehr schwer in einer sich zunehmend individualisierenden Gesellschaft, in der niemand mehr seine Ansichten rechtfertigen muss, weil er jederzeit für jede noch so abstruse Meinung irgendwo in der Welt des Internet Beifall und Gleichgesinnte findet. So verhält es sich auch bei Konrad, denn David ist zwar ein ausdauernder, aber kein gleichwertiger Diskussionspartner, und wenn er es wäre, könnte Konrad als Webmaster Davids Beiträge einfach löschen. Konrad, der ins Internet ausweicht, nachdem sein Referat an der Schule mit der unbefriedigenden Begründung wegen abwegiger Tendenz abgelehnt wird, entwickelt - kaum gefordert in der Nische seiner Homepage und angefeuert von seiner ihn verherrlichenden Großmutter - ein gewaltiges Überlegenheitsgefühl, das er sogar noch im Gerichtssaal bei seiner Verurteilung kundtut und offensichtlich auch genießt.

Nachdem sich sein Vater um seinen Sohn bemüht, kommt Konrad zur Einsicht. Für mich kam sein Meinungswandel jedoch zu unvermittelt und deswegen unerwartet. Für die Darstellung eines langwierigen Umdenkungsprozesses bietet eine Novelle allerdings auch wenig Raum. Aber Konrad muss zur Einsicht gelangen! Andernfalls könnten den Lesern nicht nur die Bemühungen des Vaters, sondern auch die des Autors als sinnlos erscheinen. Zu den Bemühungen des Vaters gehören ja nicht nur seine Besuche im Gefängnis, sondern auch seine Arbeit über die Geschichte der Wilhelm Gustloff. Durch diese Arbeit ist er überhaupt erst in der Lage, sich mit seinem Sohn auseinanderzusetzen. Und der Autor erzählt nicht nur, dass der Vater darüber schreibt, der Autor schreibt selbst darüber. Daher nimmt die Interpretation der historischen Ereignisse einen erheblichen Teil der Novelle in Anspruch. Daher würde der Autor, käme Konrad nicht zur Einsicht, seinen Lesern nur demonstrieren, dass die Aufarbeitung der Geschichte sinnlos und seine Novelle, die dies exemplarisch für die Geschichte der Wilhelm Gustloff leistet, unwichtig ist.

Für David kommt Konrads Einsicht zu spät. Und was ist mit den Glatzköppen? Die erreicht man weder mit Wissenschaft, noch mit Literatur, denn beides verlangt die Bereitschaft, einfache Erklärungen in Frage zu stellen und Irrtümer einzugestehen.