HOME

Jonathan Franzen: Die Korrekturen

In meinem Wörterbuch wird correction übersetzt mit: Korrektur, Berichtigung, Verbesserung, Abgewöhnung. Den Titel empfinde ich als lakonisch; denn die Lebenslügen der Lamberts und die daraus resultierenden Probleme lassen sich nicht mit ein paar Korrekturen beheben. Außerdem ist es im letzten Kapitel, das dem Roman den Titel gab, für Korrekturen schon längst zu spät, nicht nur weil Alfred stirbt und seine Frau Enid bereits 75 Jahre alt ist, als sie sich ein besseres Leben erhofft, es ist vor allem deswegen zu spät, weil die Korrekturen nicht durch bessere Einsicht veranlasst sind, sondern weil die Wirklichkeit sie vornimmt. Die Korrekturen werden erlitten.

Alfred ist in seinen besten Jahren überaus erfolgreich. Rechtschaffenheit und Fleiß, Pflichtbewusstsein und Loyalität gegenüber seinem Arbeitgeber, Pioniergeist und die Überzeugung, eine für die Gesellschaft sinnvolle Arbeit zu leisten, sorgen für beruflichen Aufstieg und bescheidenen Wohlstand. Eine treue und sparsame Ehefrau, die in St. Jude die Kontakte zu ihren Nachbarn pflegt und zusammen mit ihrem respektablen Mann Hochzeiten besucht, drei streng erzogene, gesunde und intelligente Kinder - die Lamberts hätten in dieser Zeit als Vorzeigefamilie dienen können.

Innerhalb der Familie aber herrschen die permanente Nörgelei einer unbefriedigten Ehefrau und der Befehlston eines verbitterten Moralisten. Während Gary, der alles schluckt, was ihm vorgesetzt wird, gute Miene zum bösen Spiel macht, widersetzt sich sein Bruder Chipper durch Trotz und ringt dabei um seine Würde. Denise versucht durch übertriebenen Ehrgeiz ihrem strengen, aber meistens abwesenden Vater ein wenig Zuneigung zu entlocken. Liebe und Schwäche werden nicht gezeigt, Unrecht wird nicht eingestanden und Nachsicht findet allenfalls im Verborgenen statt.

Die Verhältnisse wirken nach. Chipper zeigt sich als gestrenger Prediger der Wahrheit, trennt scharf die Kunst von der Werbung, und lässt sich - erstaunlich naiv - auf das Luder Melissa ein, rutscht danach sogar ab in die Kriminalität. Gary verzichtet auf eine weitere Karriere, obwohl er - wie seine Mutter - hinter dem Geld her ist, doch möchte er sich - im Gegensatz zu seinem Vater - mehr um die Familie kümmern und das Leben genießen. Seine Gattin aber verteidigt mitleidlos ihren häuslichen Machtbereich, macht ihn lächerlich vor seinen Kindern und verwöhnt sie mit teuren Spielsachen, um seinen Geiz zu verdeutlichen, und demütigt ihn, indem sie ihm Depressionen einredet. Denise arbeitet besessen wie ihr Vater und ist eine erfolgreiche Köchin, mit ihren Liebschaften jedoch hapert es, weil sie immer perfekt sein will und dabei vergisst, sich zu fragen, was sie selbst will. Erstaunlich spät begreift sie, dass sie lesbisch ist, so richtig begreift sie es erst, nachdem sie gefeuert wurde und sich von Robin trennen muss. Alle drei Lamberts haben Probleme mit der Liebe, weil sie in ihrer Kindheit zu wenig davon erfahren haben, und deshalb scheitern sie auch an ihrem Anspruch, es besser zu machen als ihre Eltern.

Und doch bemühen sie sich, so verlogen das Ganze auch ist, die letzten Weihnachten in St. Jude zusammen zu verbringen, auch wenn es eher ein Gegeneinander als ein Miteinander wird. Aber auch ein wenig Liebe kommt ans Licht. Gary freut sich über die eigene Dummheit, weil sie dem hilflosen Alfred nochmal die Genugtuung bietet, seinem Sohn zu zeigen, wie man einen Bohrer bedient. Die sensible Denise bewirkt viel Gutes. Und am Ende ist es ausgerechnet der haltlose Chipper, der seinem hilflosen Vater den letzten Halt bietet.

Man mag versucht sein, die Familientragödie dem konservativen Weltbild der Eltern anzukreiden. Doch sind die "moderneren" Personen des Romans sympathischer? Das falsche Früchtchen Melissa etwa oder Julia, die immer an ihren finanziellen Vorteil denkt, oder Garys intrigierende Ehefrau Caroline? Oder der vor Neid platzende Don Armour, der sich beweisen muss, dass er eine so begüterte, begabte und schöne Frau wie Denise auf die Knie zwingen kann, und gar nicht bemerkt, wie unerfahren sie ist? Und selbst der großzügige Brian - ist er nicht etwas zu oberflächlich, wenn er glaubt, mit seinem vielen Geld alles aufs Angenehmste arrangieren zu können?

Und Robin? Sie ist vermutlich noch schlimmer dran als Denise, weil sie triebhafter, aber nicht so durchtrieben ist, und weil sie obendrein noch einen Schuldkomplex hat. Den Schuldkomplex hat sie sicher ihrem Vater zu verdanken, der es zugelassen hat, dass seine Tochter von seinem Pflegesohn gequält wird. Der Vater bringt es aus ideologischen Gründen nicht fertig, den sozial benachteiligten Jungen zur Verantwortung zu ziehen. Doch wie soll ein Junge, der nie zur Verantwortung gezogen wird, sich noch selbst ernstnehmen? Die ihm zuerkannte Narrenfreiheit trägt bestimmt wesentlich dazu bei, dass er später zum Verbrecher wird. Ist Robins sozial eingestellter Vater etwa besser als der erzkonservative Alfred?

Vielleicht ist es bezeichnend für die Gegenwart, dass ein jüngerer amerikanischer Autor wie Jonathan Franzen zwar mitunter sarkastisch, aber auch sehr einfühlsam und mit viel Sinn fürs Tragische den Verfall der Familie, der Gemeinsamkeiten und der alten Werte beschreibt, als bedauere er, dass die Vergangenheit sich nicht durch Korrekturen verbessern lässt, während ältere amerikanische Autoren wie beispielsweise John Irving sich eher moderneren Themen wie Sex und Selbstverwirklichung widmen, als müsse die Gesellschaft noch heute vordringlich von Prüderie und Pflichtgefühl befreit werden.

Enid und Alfred sind Durchschnittsbürger ihrer Zeit. Sie verteidigen nicht ihre Spleens, wie man das heutzutage gerne tut, sondern ihre Weltanschauung. Ihr Leben ist weniger geprägt von der Sorge, etwas zu verpassen, als von der Befolgung von Regeln, um nicht aus der Gesellschaft zu fallen. Sie geraten nicht auf Abwege, weil sie rücksichtslos dem eigenen Glück nachjagen, sondern weil sie sich nicht rechtzeitig bewegen, wenn sich ihre Umgebung ändert. Sie ignorieren nicht das Gemeinwesen, um ihren Indidualismus auszutoben, sondern üben Verzicht für eine Gemeinschaft, die kaum noch existiert (die bei ihnen aber wenigstens noch als Idee vorhanden ist). Bei den Lamberts scheint diese Enge kaum noch Liebe für sich und ihre Kinder zuzulassen.