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Kerstin Ekman: Geschehnisse am Wasser

Die zahlreichen Personen des Romans haben ein zwiespältiges Verhältnis zur Natur. Am schlimmsten sind die, die gar nicht merken, dass sie ein zwiespältiges Verhältnis zur ihr haben: die Schwärmer und die Verrohten. Die Natur verführt, vereinnahmt, vernichtet. Die Gewässer spiegeln die Gesichter, doch die Oberflächen verbergen mehr als sie zeigen. Die Menschen tappen durch Moor und Finsterniss, sie irren sich in ihren Beziehungen und sie irren umher im Waldgeflecht. Sie reden verschwiegen und schweigen beredt, sie missverstehen sich und andere und flüchten in abgelegene Häuser und Hütten. Ihre Gespräche sind wenig aufschlußreich, Wichtiges behalten die Bewohner der Einsamkeit für sich. Der Wald mit seinen zahllosen Spuren und das schwache nordische Licht tragen auch nicht zur Aufhellung der Verhältnisse bei.

Die Lehrerin Annie und der Arzt Birger pflegen schon berufsbedingt die meisten Kontakte. Sie bringen etwas Licht in die düsteren Verhältnisse: Annie erkennt die Ideologie der Naturschwärmer und entlarvt die Ängste der Dorfkinder, Birger klärt nach vielen Jahren die Morde auf. Sie sind nicht die einzigen tragischen Figuren des Romans, sie sind nur die Hauptpersonen. Tragisch ist auch das Leben der Mörder: Der Mörder ist dumm und verroht durch den brutalen Vater und wohl auch wegen der fehlenden Mutter und durch die einsame Arbeit des Holzfällens. Gewalt ist ihm zur Natur geworden. Er fällt Bäume und schlachtet Tiere, er überfällt eine Frau und schlachtet ein Liebespaar. Unfähig im Umgang mit Menschen lebt er am Ende verwahrlost im Wald und traut sich noch nicht einmal, seinem Arzt zu sagen, dass er sich mit der Axt in die Hand gehauen hat.

Jeder Bewohner fühlt sich auf die eine oder andere Art mit der Natur verbunden und gerät in Konflikt mit ihr. Torsten und seine Söhne leben von der Natur, indem sie ihr Gewalt antun und verrohen dabei so sehr, dass sie auch Menschen Gewalt antun. Gudrun, die in ihrer Kindheit das harte Leben eines Rentiertreibers kennengelernt hat, flieht aus der Armut einer lappischen Familie in die Dumpfheit einer schwedischen und versucht mit Hausfrauenfleiß ihrem Leben Ordnung und Sicherheit zu geben, während ihre Familie saufend und raufend Chaos anrichtet und Unsicherheit verbreitet. Johan erhält eine Schulbildung, um es später einmal besser zu haben, und wird Wissenschaftler, aber er verherrlicht die naturnahe Lebensweise der früheren Lappen und nimmt sogar regelmäßig an ihren nostalgischen Wettkämpfen teil. Annie liebt Blumen und lebt im Wald, aber vermisst die Errungenschaften der Zivilisation, und im Schulunterricht vermittelt sie den Kindern das Bewusstsein, dass die Errungenschaften der Zivilisation der Natur geschuldet sind. Der Spießer Birger verschreibt Beruhigungsmittel, streicht sein Häuschen und versteht nicht recht, warum seine Frau gegen das Waldroden ist, aber er liebt die Jagd und den Fischfang und die einfache Vesper im Wald. Ilya ist eine moderne Frau, gibt sich emanzipiert, wartet nicht auf den Prinzen, sondern lädt sich ihren Liebhaber ins Auto, lebt als Professorin in einem großbürgerlichen Haus und schwärmt von einem sagenumwobenen Wanderer im Wald und einer symbolträchtigen Höhle im Gebirge und von einem Leben, bei dem nichts anders zählt als unerschöpfliche Manneskraft und Frauenlust. Die nordischen Hippies verherrlichen ihr natürliches und friedvolles Leben und grenzen sich ab von der Zivilisation, während ihre Kommune verwahrlost und zerfällt und ohne Hilfe von außen sowieso nicht überleben kann.

Unbarmherzig zieht die Autorin an den Schlingen der Tragik: Die Mutter wird zur Mörderin, weil sie glaubt, ihr eigener Sohn sei der Mörder. Tatsächlich ist ihr Sohn der Mörder, allerdings der andere: ihr Stiefsohn. Um ihren eigenen Sohn, den vermeintlichen Mörder zu schützen, bringt sie die Mutter um, die ihre Tochter vor dem vermeintlichen Mörder zu schützen versucht. Die Tochter wird den vermeintlichen Mörder heiraten, obwohl seine Mutter ihre Mutter umgebracht hat, und das Kind, das bereits unterwegs ist, wird seine Großmutter im Gefängnis kennenlernen, weil sie seine andere Großmutter umgebracht hat, und weil beide glaubten, sein Vater sei ein Mörder. Zwar hat das Kind keinen Mörder als Vater, aber - neben seiner Großmutter - noch einen Mörder als Onkel. Und die anderen Onkels sind kaum besser. Sein Großvater wird es wohl auch nicht gerade mit Liebe überschütten, denn schon durch seine bloße Existenz erinnert es ihn daran, warum seine Frau im Knast sitzt. Die Voraussetzungen könnten also kaum besser sein, um auch dem Kind ein tragisches Leben zu bescheren.