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Paulo Coelho: Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte

Der Titel ist auch gleich der erste Satz des Romans, dann folgt die lange Rückblende, eine typische Rahmenhandlung also, in deren Verlauf man wieder zum Anfang kommt und deren Schluss mit dem Anfang identisch ist. Pilar erzählt ihre Liebesgeschichte, und weil sie dabei weint, wird sie ihren Liebsten wohl verloren haben. Alle Liebesgeschichten sind gleich. Alles klar! Mal kurz auf die letzte Seite geblättert - der letzte Satz des Romans lautet: Hol deine Sachen, Träume machen Arbeit. Das klingt optimistisch, nach Zupacken und Zukunft. Der Satz muss eine Rückblende in der Rückblende sein, dachte ich, ein besonders schmerzlicher, ironischer, denn wenn Pilar, die die Geschichte erzählt, Tränen vergießt, dann kann es kein Happy End geben. Das habe ich den ganzen Roman über gedacht bis zu jener Stelle, wo die Rahmenhandlung schließt - und der Roman trotzdem weitergeht. Reingefallen! Der Trick, die Wende im Epilog zu verstecken, mag für einen Formalisten ein Gräuel sein, mir gefällt er.

Religiöse Exstase, Wunderglaube und Katholizismus bilden ein Ambiente, zu dem ich mich nicht gerade hingezogen fühle, aber das ist kein Grund, den Roman zu kritisieren. Was mich stört, ist der Widerspruch zwischen der behaupteten großen Liebe des Seminaristen zu Pilar und seiner Rücksichtslosigkeit ihr gegenüber. Sie hat kein Geld für die Reise, sie sagt es ihm; sie ist vollkommen abhängig von ihm. Und was macht er? Er lädt sie ein, das ja, in gute Restaurants sogar, aber etwas Geld, damit sie etwas unabhängiger von ihm ist, das gibt er ihr nicht. Sie hat nichts Warmes anzuziehen, und er fährt mit ihr in die Berge, in den Schnee. Dort lässt er sie dann buchstäblich im Regen stehen oder verschwindet stundenlang, ohne ihr vorher Bescheid zu geben; sie kann dann sehen, wie sie sich in dem Gebirgsdorf, das sie ohne Geld nicht verlassen kann, die Zeit vertreibt. Er fragt sie nicht, ob sie in Saragossa noch etwas Wichtiges zu erledigen hat, er sagt ihr nur, dass er noch etwas Wichtiges zu erledigen hat. Ihr Studium, ihre unmittelbar bevorstehende Prüfung, ihre anderen Interessen, das sind keine Themen, er spricht nur über seine Welt. Der Mann führt und belehrt, das Weib folgt und lernt, er gibt vor und sie sich hin. Die Rollen sind festgelegt. Der Seminarist kennt keine Kompromisse.

Sie will es so, zugegeben. Sie möchte unvernünftig sein und ihre Liebe durch Risikobereitschaft und Hingabe beweisen. Außerdem ist sie die Erzählerin, daher ist es nicht verwunderlich, dass sie schildert, was sie alles gegeben hat für diese Liebe und noch bereit war zu geben. Vielleicht waren ihre Gespräche ja viel themenreicher, als sie aufgeschrieben hat, vielleicht erzählt sie nur über seine Welt, weil sie so sehr daran teilnimmt, dass sie die eigene vergisst? Sie schreibt sich schließlich ihre Trauer von der Seele, da darf man keinen nüchternen Bericht oder eine ausgewogene Erzählung erwarten.

Nicht jedes Happy End befriedigt, meistens soll es das auch gar nicht. Dieses Happy End soll, aber kann nicht. Die Figuren handeln zu geradlinig: Pilar beschließt, ihre andere Seite - Vernunft, Sicherheitsbestreben, Realitätssinn - zu ignorieren. So einfach ist das. Doch wie lange lässt sich die eigene Persönlichkeit verleugnen? Ihr Freund steht kurz vor der Priesterweihe und verzichtet auf sein Berufsziel und seine Gabe. Ist das Thema für ihn erledigt? Liebe macht blind, sagt man, aber ist es nicht eher die Verliebtheit, die das bewirkt? Dieses Happy End macht keinen Mut; schon der erste Konflikt endet fast tödlich.