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Heinrich Böll: Billard um halb zehn

Ein Architekt hat ein Bauwerk für Jahrhunderte errichtet, sein Sohn hat es gesprengt und sein Enkel soll es wieder aufbauen, will sich aber nicht gegen seinen Vater stellen, andrerseits aber auch nicht seinen Großvater enttäuschen. Die Spannung, die in dieser Konstruktion steckt, kann nur auf Kosten der Handlung aufrecht erhalten werden, erst am Schluss des Romans kommt es zu einem versöhnlichen Treffen.

Die Hauptfiguren des Romans bewegen nichts, sie trauern. Großvater Fähmel ist noch rüstig und könnte sein Lebenswerk rückblickend genießen, wenn es nicht zerstört wäre, aber es bedeutet ihm auch nicht mehr viel, selbst der Wiederaufbau des Klosters St. Anton interessiert ihn nur, weil sein Enkel den Auftrag ausführen darf. Sein Sohn Robert arbeitet wenig und ohne Interesse, er verfolgt keine Ziele mehr, und sein Enkel Joseph beschließt, seine Karriere zu beenden, noch bevor sie begonnen hat. Alle drei pflegen Rituale. Der Großvater frühstückt jeden Morgen Paprikakäse im Café Kroner, weil ihn das an seinen größten Erfolg als Architekt erinnert, an St. Anton. Sein Sohn spielt jeden Morgen um halbzehn Billard, um dem Hotelpagen sein Leben zu erklären. Sein Enkel rast scheinbar übermütig mit dem Auto auf Schilder mit der Aufschrift TOD zu, andrerseits spielt er wohl auch ein wenig mit dem Gedanken an den letzten aller Auswege, weil er keinen Weg aus der Zwickmühle weiß, in der er sich befindet. Die Akteure agieren nicht, sie kommen nicht weiter, die Vergangenheit hält sie gefangen.

Dagegen leben die netten Leute von nebenan, die Nettlingers - ich verwende nicht nur der Einfachheit halber den Plural - unbekümmert in der Gegenwart, ohne der Toten zu gedenken, die sie in der Vergangenheit verschuldet haben. Sie sind optimistisch, sie agieren. Bedenkenlos angepasst, vertreten sie Nazismus wie Demokratie und sind stolz auf ihre jeweilige Überzeugung, und merken nicht, dass sie nur stolz auf ihre Überzeugtheit sind, damals wie heute. Aus den Jungen, die Schrella jagten mit viehischem Gebrüll, ist Stimmvieh geworden. Die Nettlingers sind wie Billardkugeln, die einmal angestoßen, andere stoßen; sie können in alle Richtungen laufen. Doch die Dynamik der Kugeln täuscht, sie bewegen nicht sich, sie sind nur beweglich.

Das Opfer sagt zum Täter: "... damals bedeutete mich unschädlich zu machen, mich einzusperren, heute bedeutet mich unschädlich zu machen, mich freizulassen ... Ich hoffe, du verstehst mich - auch damals habe ich an der Echtheit deiner persönlichen Motive und Gefühle nie gezweifelt; du kannst mich nicht verstehen, versuche es gar nicht, denn du hast die Rollen nicht bewußt gespielt - sonst wärst du ein Zyniker oder ein Verbrecher - beides bist du nicht." Er ist kein Zyniker, weil er keine Moral hat, der er zuwiderhandeln könnte, und kein Verbrecher, weil er kein Gesetz gebrochen hat, das seine Taten verboten hätte. Er ist ein Täter, dem keine Strafe droht und den kein Gewissen plagt. Das Leid, das er anderen zufügte, war nur ein Irrtum, und bekanntlich ist Irren ja menschlich, oder?

In diesem Ort gibt es zwei Lager. Das eine versucht zu helfen (weidet Lämmer), das andere schlachtet (zelebriert das Sakrament des Büffels) und ist sich keiner Schuld bewusst, ist überhaupt unfähig, moralisch zu denken. Nur Helfer und Henker, wo sind die anderen? Von denen, die heimlich die Hand zur Faust ballten, die sie öffentlich zum Hitlergruß erhoben, die wegschauten, um sich nicht die Heldenfrage stellen zu müssen, die Skrupel hatten, aber trotzdem den Befehlen folgten aus Furcht vor der zu erwartenden Bestrafung, und die danach ihre Schuld verdrängten, eben weil sie fähig waren, moralisch zu urteilen, von denen erzählt uns der Autor nichts. Die kommen nicht vor in seinem Roman, denn menschliche Schwäche kann man verstehen, selbst wenn man sie (noch) nicht verzeihen kann, jedoch nicht die penetrante Ausblendung der Vergangenheit, das Verschweigen der Schuldfrage, das Vergessen der Opfer, die Unfähigkeit zu trauern, der blindwütige Aufbau des blindwütig Zerstörten.