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Thomas Bernhard: Der Untergeher

Der Untergeher oder zwei Untergeher? Oder drei? Wertheimer bringt sich nach jahrelanger Erfolglosigkeit um. Glenn Gould macht aus seinem Körper eine Maschine und stirbt schon mit 51 an einem Schlaganfall. Nur der Erzähler überlebt - den eigenen Niedergang beobachtend.

Gemeinsam ist den drei Klaviervirtuosen, dass sie von Haus aus, also ohne eigenen Verdienst, reich sind. Sie müssen nicht um ihre Existenz bangen, sich irgendwelchen Vorgesetzten beugen und fremde Regeln befolgen, sie müssen sich nicht mit Geschäftspartnern, Kollegen oder Kunden arrangieren, Kompromisse eingehen oder um etwas bitten. Sie brauchen sich nicht verbiegen zu lassen, sie verbiegen sich selbst. Eine eigene Familie, auf die sie Rücksicht nehmen müssten, haben sie nicht. Die einzigen, die ihnen jemals etwas zu sagen hatten, sind ihre Eltern. Sie hassen ihre Eltern. Ich bin aufs Mozarteum gegangen, um mich an ihnen zu rächen ... Aber bei Glenn ist es nicht anders gewesen, auch nicht bei Wertheimer, der nur Kunst und also Musik studiert hat, um seinen Vater vor den Kopf zu stoßen ...

Dank ihrer Eltern sind sie finanziell unabhängig, alle Wege der Selbstverwirklichung stehen ihnen offen, niemand setzt ihnen Grenzen. Leider können sie sich selbst keine setzen. Wertheimer scheitert an der Maßlosigkeit seiner Ziele. Er will der beste der Welt sein, als Klaviervirtuose zunächst, später versucht er es als Philosoph. Der Erzähler dagegen redet sich seinen Ehrgeiz aus und strengt sich nicht mehr an, er setzt sich überhaupt keine Ziele mehr. Er behauptet von sich, er brauche keine Anerkennung, und erklärt diejenigen, von denen er Anerkennung bekommen könnte, für inkompetent. Musikpädagogen sind Kunstaustreiber, Kunstvernichter, Geisttöter, Studentenmörder, das Publikum ist verachtungswürdig, der Erzähler konstatiert Weltstumpfsinn. Glenn Gould erreicht sein Ziel, perfekt Klavier zu spielen, doch dafür übt er rücksichtslos gegen sich und spielt Jahrzehnte lang die Goldbergvariationen, als habe er kein Interesse mehr an der Musik, sondern feiere mit der permanenten Wiederholung seiner Perfektion nur noch sich selbst (1). Warum setzt er sich keine neuen Ziele und schaut, wieweit er kommt und welche Erfahrungen er dabei macht? Er riskiert nichts und verliert sein Leben.

Wertheimer wird als Egomane beschrieben, der seine Schwester quält. Gould entwickelt sich zum Autisten. Der Erzähler verharrt in seinem Verkümmerungsprozess. Noch nicht mal untereinander sind sie wirklich befreundet, nur von Geistesfreundschaft ist die Rede - und von Neid. Der Erzähler findet Menschen unausstehlich, Wertheimer findet sich selbst unausstehlich, was er auch ist, und beide vernichten die Ergebnisse ihrer Arbeit. Glenn Gould leistet zwar seinen Beitrag für die Welt, entzieht sich aber als Mensch. Der eine geht unter, der andere ist kurz davor und der dritte taucht unter. Wie gut, dass sie nicht die einzigen Klaviervirtuosen auf der Welt sind!


(1) Natürlich hat der wirkliche Glenn Gould nicht nur die Goldbergvariationen gespielt. Glenn Gould war ein äußerst vielseitiger und kreativer Pianist, der ein Klavierstück vollkommen verschieden interpretieren konnte und sich dabei oft weit von den Vorgaben des Komponisten entfernte. Außerdem hatte er ein Faible für selten gespielte oder unbekannte Werke und eine Abneigung gegen das übliche Standardrepertoire. In der Rezension eines Romans kann aber nur über das gesprochen und spekuliert werden, was im Roman steht. Deswegen ist hier nur von der Romanfigur Glenn Gould die Rede, und diese Person übt zwanzig Jahre lang die Goldbergvariationen und spielt sie danach - so perfekt wie schon in der Studentenzeit. Und wohl auch genauso, wie der Erzähler sie in Erinnerung hat! Denn hätte Gould anders gespielt als früher, wäre das dem ehemaligen Klaviervirtuosen und angehenden Biografen des Pianisten sofort aufgefallen. Der Romanheld hat sich im Gegensatz zum wirklichen Glenn Gould nicht weiterentwickelt.