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Ulla BerkÚwicz: Ich wei▀, da▀ du wei▀t

Bei Tatjana Arkadjewna Orlowa treffen sich die Absonderlichen und Kranken, um miteinander zu sprechen, zu saufen, zu singen. Statt Vorurteile und Belehrung gibt es hier Unterkunft, Essen und reichlich Wodka. Die Wirtin ist keine Menschenverbesserin und ihr Haus keine Sozialstation, bietet aber Zuflucht. Die Gäste im Ural könnten unterschiedlicher nicht sein und sagen offen, was sie denken, gehen aber friedlich und teilweise sogar fürsorglich miteinander um, denn hier zählt das individuelle Schicksal, nicht der Erfolg. Die Unvereinbaren bilden eine Gemeinschaft. Gerne hätte ich mehr über diese Leute erfahren, auch über diejenigen, die nur mit ihrem Spitznamen genannt werden und nur den Bühnenhintergrund beleben, aber Tatjana ist die Erzählerin, und sie wendet sich Alon Katznelson und Olga Michelizki zu, den beiden, die keine Gemeinschaft bilden können.

Es ist schon bewegend, wenn die vor Fettleibigkeit fast unbewegliche Wirtin sich von ihrem Sitz erhebt und sich mit dem eisernen Rössel zu dem Mann hinschleppt, der ihr gefällt. Aber sie ist zu klug, um mehr zu erwarten als die Befriedigung ihrer Neugier. Und weil Tatianas Neugier sich in Anteilnahme und Mitfühlen äußert, erfährt sie viel vom Leben, mehr als ihr bekömmlich ist, und zu oft greift sie nachts in die Schachtel mit den süßen Prinzen. Glücklicherweise stopft Tatjana nicht einfach alles in sich hinein, sondern weiß auch zu erzählen, von ihrer Vergangenheit, von der verehrten Raskowskaja, von ihren Gästen und ihren Liebhabern. Davon lebt der Roman.

Dagegen ist das, was Alon und Olga zu erzählen haben, für einen Roman zu geradlinig. Während Alons Leben nur aus einer langen Kette erlebter und erlittener Grausamkeiten zu bestehen scheint (und wohl auch bestehen muss, um seine Arbeit an dem dämonischen Bombenprojekt erklärlich zu machen), muss für Olgas Extremismus eine schlimme Kindheit mit anschließender Indoktrination als Erklärung ausreichen. Alon gewinnt als Person am Ende an Glaubwürdigkeit, wenn man erfährt, was man ihm noch angetan hat. Bei Olga dagegen bleibt unverständlich, warum sie sich zur Terroristin ausbilden und sich für fremde Ziele einspannen lässt, zumal sie längst begriffen hat, dass dieses Treiben gar nichts mit ihr zu tun hat und auch nicht zu der Ideologie passt, die man ihr eingetrichtert hat. Was hält sie in Amsterdam davon ab, zu desertieren und in einer anderen Stadt ein unauffälliges Leben zu beginnen? Sie beweist doch mehrfach, dass sie ihre Verfolger mit ein paar Haken abschütteln kann. Wahrscheinlich ist, dass sie bald den Befehl erhält, ihr Leben für einen Terrorakt zu opfern. Doch im Gegensatz zu den jugendlichen Attentätern glaubt sie nicht daran, dass man für eine solche Tat im Jenseits belohnt wird. Was hat sie für ein Motiv? Die kenntnisreiche Aufzählung von Waffen und die Beschreibung von Ausbildungslagern macht sie dem Leser nicht begreiflicher. Sie hat noch eine Chance zu entkommen, bevor sie zur Mörderin wird, warum nutzt sie sie nicht? Alon dagegen hat aufgrund seiner exponierten Stellung und seines Wissens diese Möglichkeit wohl kaum mehr. In welches Land könnte er fliehen, ohne von irgendeinem Geheimdienst gestellt zu werden?

Die Autorin lässt offen, ob die beiden versuchen, zusammen zu flüchten oder ob sie versuchen, zusammen Selbstmord zu begehen. Der Leser muss entscheiden. Ich entscheide mich jetzt einfach mal fürs Happy-End, weil ich an die Liebe glaube. Einverstanden? Die Autorin weist ja deutlich darauf hin, dass selbst unter widrigsten Umständen die Liebe sich durchsetzt: die gequälten Affen in den Laborkäfigen tun es, auch den Riesenschildkröten in ihren dicken Panzern gelingt es, ja sogar der greise und blinde Elias zeugt mit der jungen Kasachin noch ein Kind. Also, nehmen wir an, Olga und Alon entscheiden sich für die Liebe und das Leben, sie versuchen zu fliehen und ihre Flucht gelingt. Und dann? - Wie könnten sie zusammen leben, wenn Olga nach Jahren des Gehorsams erst einmal Freiheit braucht, um sich selbst zu finden, und Alon ein Versteck, um nicht festgenommen oder umgebracht zu werden? Welche Chance hätte denn eine Beziehung zwischen einer verwirrten, jungen Frau, die durchaus nicht prüde ist und einem verbitterten, älteren Mann, der keinen Penis mehr hat? - Hat die Autorin mit ihrem offenen Ende eine bitterböse Falle gebaut für alle diejenigen, die davon überzeugt sind, dass nichts so stark sei wie die Liebe? Ist der offene Schluss des Romans zynisch?

Nein, der Roman verbreitet keine Hoffnungslosigkeit. Man darf seinen Blick nur nicht auf Olga und Alon verengen. Die Autorin tut es ja auch nicht.