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Christoph Bauer: Jetzt stillen wir unseren Hunger

Tom Weinreich traktiert auf seinen Rundgängen Kaninchen und Denkmäler mit Schneebällen, weil er wütend ist auf die Welt, in der er als Wissenschaftler gescheitert ist. Verletzt und einsam zieht er sich in seine Gedankenwelt zurück und genießt dort seinen Größenwahnsinn und seine Rachegelüste, aber außer als Taxifahrer bewegt er nichts mehr. Tom hat Hunger nach Anerkennung und Liebe (deswegen hat er auch viel Durst), aber wenig Hoffnung. Er ist so in seiner Gedankenwelt gefangen, dass er kaum noch die Realität wahrnimmt. Seine Spaziergänge sind Rundgänge im Schneckenhaus.

Eine Woche lang wird er von Mascha beobachtet, ohne es zu bemerken, bis sie die Initiative ergreift und ihn anspricht. Sie sieht in ihm einen lustigen Denker, doch die Tiergeschichten, die er ihr erzählt, zeugen eher von verdrängten Aggressionen als von Humor. Mascha ist wie für ihn gemacht: eine Frau, die ihm nichts abverlangt und ihm Mut macht, eine Kritikerin, die ihn lobt, eine Intellektuelle, die sein Denken bewundert, eine Gesprächspartnerin, die immer die passenden Worte findet und weiß, wann sie schweigen muss. Zudem hat sie den gleichen Hunger wie er und die gleiche Sensibilität.

Die Gedanken sind frei, aber sie befreien nicht. Der Phantast beschränkt sich auf das Denken, um nicht verletzt zu werden, und die Kritikerin möchte das Denken vermeiden, um sich nicht selbst zu verletzen. Das Tragische ist, dass man in beiden Fällen Schaden nimmt, da man sich weder die Welt wunschdenken, noch seine Wünsche an die Welt unterdrücken kann. Aus diesem Dilemma eine vergnügliche Geschichte zu schreiben, zeugt von Humor.

Bewußtsein ist ein fortwährender sprachlicher, rekursiver und dadurch dialogischer Prozeß der Selbstbeschreibung und also Selbsterzeugung, der in Bewußtsein, und dessen Abbruch in Tod oder Wahnsinn resultiert. Der Fehler in Weinreichs Kernthese ist, dass das Bewusstsein nicht nur ein rekursiver Prozess, sondern ein dynamisches System ist, und zwar ein offenes. Ein geschlossenes, dynamisches System verzehrt sich selbst, weil es keine Nahrung von außen erhält. Das Bewusstsein malt (und übermalt) ein Bild von sich mit den Formen und Farben, die es außer sich vorfindet. Es entwickelt sich durch den Austausch mit der Welt. Dagegen ist ein rekursiver Prozess nur eine Folge von Rundgängen, bei der jeder Rundgang sich dadurch ändert, dass er das Ergebnis des vorherigen einbezieht. (Die Vielfalt der von einem Computerprogramm erzeugten Bilder entsteht nicht durch Rekursion, sondern durch die Zufallszahlen, mit denen die rekursiven Funktionen des Programms "gefüttert" werden.)

Der Autor hat einen sehr intelligenten Roman geschrieben. Für Weinreich war es nur als Rekurs gedacht, doch hat er Ein Rekurs durchgestrichen und stattdessen Eine Rekursion unter den Titel gesetzt. - Wenn Sie nicht wissen warum, finden Sie die Lösung vielleicht in einer der Antworten im Fragebogen zu diesem Buch.