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Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund

Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.
(aus Berthold Brecht: Leben des Galilei)

Gründe

Drei Gründe hat der Junge, warum er weg muss. Erstens weil nichts los ist in Rerik, zweitens weil man sagt, sein Vater sei besoffen ersoffen und drittens? Der dritte Grund ist so unwichtig, dass er ihn mitunter vergisst, denn eigentlich ist es gar kein Grund, sondern nur der Traum von fremden Ländern und Abenteuern. Dafür steht Sansibar.

Judith hat zwei Gründe. Erstens schwebt sie als Jüdin in unmittelbarer Lebensgefahr, zweitens darf das Opfer ihrer Mutter nicht vergeblich gewesen sein.

Auch der bärbeißige Knudsen hat einen Grund abzuhauen. Da er im Ort als Kommunist bekannt ist, riskiert er, verhaftet zu werden. Doch zwei Gründe sprechen dagegen. Erstens kann er seine geistesgestörte Lebenspartnerin, die genauso gefährdet ist wie er, nicht im Stich lassen und zweitens, tja, der zweite Grund, der dagegen spricht, wird erst im Laufe des Romans deutlich.

Für Hellander geht es weniger um sein Leben als um den Erhalt der kritischen Gesinnung. Das ist sein Grund. Die Holzfigur, die diese Gesinnung ausdrückt, zu retten, ist ihm wichtiger als die Chance, im Krankenhaus zu überleben. Statt selbst zu flüchten, lässt er ein Kunstwerk außer Landes schaffen.

Gregor hat drei Gründe zur Flucht. Erstens glaubt er nicht mehr an die Partei und die Notwendigkeit, ihre Aufträge auszuführen. Zweitens befindet er sich im Land seiner Feinde. Drittens ist er in Judith verliebt.

Grundsätze

Der Junge beweist Mut und Stärke, aber hat er schon Grundsätze?

Judith belügt den Wirt und bietet sich dem betrunkenen, schwedischen Matrosen an; der Wirt bezeichnet sie deswegen als Flittchen. Hat sie keine Grundsätze? Zumindest hat sie keine Wahl mit einem Pass, der sie als Jüdin ausweist und den sie dem Wirt vorlegen muss. Aber wäre sie nicht so fest an der Seite ihrer Mutter gestanden, hätte sich ihre Mutter nicht umbringen müssen, damit Judith endlich die Flucht ergreift. Auch denkt Judith selbst in ihrer aussichtlosen Lage noch in moralischen Kategorien. Lassen Sie ihn doch! sagte Judith zu Gregor (als Gregor Knudsen nötigt, die junge Frau an Bord zu nehmen). Sie dürfen ihn nicht zwingen!

Knudsen tut das Gegenteil von dem, was er sagt. Er handelt gegen seine kommunistischen Grundsätze, wenn er einem Kirchenvertreter einen Dienst erweist, und er riskiert sein Leben für eine Holzfigur, obwohl er überhaupt nicht versteht, was es damit auf sich hat. Er wehrt sich dagegen, die Geliebte eines Parteibonzen (so sieht er das) mitzunehmen. Freilich vereitelt die Mitnahme auch seinen Plan, die Holzfigur im Meer zu versenken statt sie nach Schweden zu bringen. (Dann hätte er nämlich noch genug Zeit, Dorsch zu fangen und müsste nach der Fahrt nicht erklären, weshalb er ohne Ladung zurückkommt.) Doch am Ende nimmt Knudsen die junge Frau mit und bietet auch dem Parteibonzen noch an, ihn mitzunehmen. Bei aller Widersprüchlichkeit entscheidet Knudsen, auch wenn es ihm schwerfällt, so wie er es für richtig hält. Er erfüllt seine Pflicht als Gegner der Anderen, aber handelt er nach Grundsätzen?

Der lesende Mönch ist nicht so fromm wie es scheint, auch Hellander nicht. Der Pfarrer zweifelt an Gott, weil er (im Gegensatz zu vielen anderen Pfarrern in jener Zeit) am Bösen verzweifelt. Sein kritischer Geist ist so stark, dass sein Glaube schwach ist, doch hofft er bis zuletzt noch auf einen Hinweis von Gott. Er schießt, als er verhaftet werden soll, aber er hat weniger Angst vor dem Tod als vor dem Verlust seiner Gesinnung unter der Folter. Anstatt zu versuchen, sich selbst zu retten, rettet er ein Kunstwerk. Welche Bedeutung dieses Kunstwerk hat, zeigt sich an Gregor. Hellander opfert sich für die Kunst, aber ist voller Zweifel über seine Grundsätze. Er erwägt, sich selbst umzubringen, was eine Todsünde ist, und tötet einen der Anderen, was auch eine Todsünde ist. Er schießt, um Gott zu einem Hinweis zu provozieren, aber auch aus Furcht und Zorn.

Als Gregor den jungen lesenden Mönch sieht, muss er zunächst daran denken, wie versunken er damals in der Lenin-Akademie gelesen hat. Er trägt unser Gesicht, dachte er, das Gesicht unserer Jugend, die auserwählt ist, die Texte zu lesen, auf die es ankommt. Dann entdeckt Gregor, dass der lesende Mönch, kritisch liest. Seine Arme hingen herab, aber sie schienen bereit, jeden Augenblick einen Finger auf den Text zu führen, der zeigen würde: das ist nicht wahr. Das glaube ich nicht. Diese Entdeckung ist (nicht nur) für Gregor entscheidend. Es war aber etwas geschehen, dachte Gregor. Ich habe einen gesehen, der ohne Auftrag lebt. Einen, der lesen kann und dennoch aufstehen und fortgehen. Gregor, der seiner Partei ohnehin misstraut, seitdem seine Freundin spurlos verschwunden ist, nimmt sich vor, zukünftig nicht mehr die Aufträge der Partei auszuführen, sondern selbstverantwortlich zu handeln. Diese Entscheidung rettet das Leben von Judith und das Kunstwerk, das ihn zu dieser Entscheidung animiert hat.

Die Macht der Anderen basiert darauf, dass niemand selbstverantwortlich nach eigenen Grundsätzen handelt. Deshalb verfolgen sie jeden, der dies tut. Deshalb wollen sie auch das Kunstwerk vernichten. Deshalb sind die Personen in diesem Roman Helden, nicht nur wegen des hohen Risikos, das sie dabei eingehen, sondern auch weil sie sich erst dazu überwinden müssen, das zu tun, was sie für richtig halten.

Widerstand

Judith und das Kunstwerk erreichen das sichere Ufer. Und die anderen?

Judiths Mutter ist tot. Hellander ist tot. Ob Gregor durchkommt, ist zweifelhaft. Ob sein Pass so gut gefälscht ist, wie er glaubt, wissen wir nicht. Aber der Wirt weiß, dass an dem besagten Abend ein Fremder in seiner Gaststube gesessen hat. Hoffen wir, dass er ihn nicht genau beschreiben kann.

Knudsen kehrt vermutlich ohne Ladung heim. Selbst wenn Proviant und Sprit noch länger reichen würden, um mit einem Kutter voll Dorsch im Heimathafen einlaufen zu können, wüsste doch jeder im Ort, dass er dafür zu lange unterwegs war. Außerdem ist er vorher nicht zusammen mit den anderen ausgefahren, sondern hat gewartet. Außerdem ist er im Ort als Kommunist bekannt. Nach der Schießerei im Pfarrhaus und dem verschwundenen Kunstwerk wird die Gestapo nicht lange nach einem Hauptverdächtigen suchen müssen. Auch der Schiffsjunge dürfte (im wahrsten Sinne des Wortes) nicht ungeschoren davonkommen. Und die arme Bertha wird sich auf Dauer nicht verstecken lassen.

Vordergründig zeigt der Roman selbstverantwortlich handelnde Menschen, denen es gelingt, den Nazis ein Schnippchen zu schlagen. Doch ihr Widerstand ist wenig effektiv und von solchen Zufällen wie dem Scheinwerferausfall des Polizeibootes abhängig. Die Helden sind starke Romanfiguren, aber schwache Einzelkämpfer. Ohne eine starke Organisation kann man gegen die Anderen nichts ausrichten. Die Romanhelden begreifen noch nicht mal, wie einig sie sich im Grunde genommen sind. Sie bleiben einander fremd.