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Alfred Andersch: Die Rote

Franziska macht ihrem Ehemann Herbert eine Szene und nimmt den erstbesten Zug. Sie reist ohne Gepäck und nur mit dem Geld, das sie gerade in der Handtasche hat. Dabei ist sie noch nicht einmal besonders aufgewühlt; sie denkt kaum noch an Herbert. Hätte sie genug Geld dabei, würde sie die Trennung und die damit gewonnene Freiheit genießen. Sie flieht nicht in Panik, sondern sie demonstriert ihre Unabhängigkeit. Dabei bemüht sie sich nicht ernsthaft um eine neue Arbeitsstelle, sie nimmt nicht ihr Leben in die Hand, sondern sie bummelt ziellos in Venedig herum, lässt sich auf die finanziellen Angebote des erstbesten Mannes ein und gerät in neue Abhängigkeiten.

Die zahlreichen inneren Monologe machen deutlich, wie unsicher Franziska ist. Sie handelt naiv und je nach Stimmungslage, und obwohl sie in den Situationen, in die sie gerät, einen klaren Kopf behält, ist sie nicht in der Lage, sich einen eigenen Weg zu suchen. Hier zeigt sich, wie sehr sie in der Vergangenheit behütet und bevormundet wurde. Aber man muss sich keine Sorgen um Franziska machen, sie ist gesund, sehr attraktiv, gebildet, äußerst selbstbewusst und hat glänzende Berufsaussichten. Und wenn sie schwanger wäre, könnte sie sich ein Kindermädchen leisten, aber sie weiß noch nicht, ob sie es abtreiben lassen würde. Sie lernt einen Arzt kennen, der es ihr sogar anbietet. Nein, existenzielle Probleme hat sie nicht. Und wenn sie nicht mit Männern zusammenkäme, deren Leben noch mit Krieg und Nationalsozialismus verstrickt ist und die ganz andere Probleme haben, wäre ihr Emanzipationsversuch in Venedig ein ziemlich langweiliges Thema.

Doch das Buch wurde 1958/59 geschrieben, in der Konrad-Adenauer-Zeit, wo eine Frau für Küche und Kinder zu sorgen hatte, während der Ehegatte möglichst viel Geld verdienen musste, damit man den Nachbarn seinen Wohlstand zeigen konnte. Scheidung war anrüchig, Abtreibung ein Tabuthema. Die Freiheiten, die sich die Rote herausnimmt, zumal sie doch nach landläufiger Meinung eine gute Partie gemacht hat, war für die damalige Zeit eine Provokation.

Viele Kleinfahrzeuge mit deutschem Kennzeichen quälten sich über die Alpen, um im Land der Caprisonne und der romantischen Fischerboote ein paar Tage die alltägliche Hetze um das liebe Geld zu vergessen. Und worüber schreibt Andersch? Statt Sonnenschein herrscht trübes, kaltes Winterwetter, und der alte Piero erfriert in seinem Fischerboot. Da schimpft man in Deutschland über die Sozis und tuschelt über den Nachbarn, der abstreitet, ein Nazi gewesen zu sein, und Andersch schreibt über den sympathischen Sozialisten Fabio, der weiß, wann man kämpfen muss und wann nicht, weil er unterscheiden kann, wann es um die Rechte von Menschen und wann um die Rechthaberei von Politikern geht. Er schreibt über den Schwulen Patrick, der verschlagen genug ist, den immer noch mächtigen und mit Spürsinn ausgestatteten Nazi Kramer in eine Falle zu locken. Und der Nazi? Der große Blonde ist gar nicht blond, sondern weiß, weil er ein Albino ist, was den Nazis wohl entgangen sein muss, denn wie sonst ist es zu erklären, dass diese Rassisten einem Mann mit so schlechten Erbanlagen einen so hohen Posten anvertraut haben? - Andersch bürstet gegen den Strich, damit es den Voreingenommenen gegen den Strich geht. Heute ist der Roman keine Provokation mehr, und dazu haben Romane wie dieser beigetragen.

Obwohl Andersch gegen Klischees anschreibt, geraten ihm manche Figuren zur Karikatur, was bei Kramer wohl auch schwer zu vermeiden ist. Doch warum bedient er auch Vorurteile? Der Juwelierhändler Lopez, der die Not seiner Kundin schamlos ausnutzt, ist ein Jude. In den Köpfen seiner deutschen Leser im Jahre 1960, als dieser Roman erschien, waren die Nazi-Karikaturen über die Juden noch tief eingeprägt. Kramer tritt sogar als edler Ritter auf, natürlich aus unedlen Motiven, wie sich gleich hinterher zeigt. Er verlangt von dem Juwelier nachträglich einen anderen Preis, der mir - ich habe allerdings keine Ahnung von solchen Geschäften - mit einem Drittel des Kaufpreises gar nicht mal unfair gegenüber dem Juwelier erscheint. Dass der Händler Kramers Drohung mit der Polizei fürchtet - er gibt sofort das Geld heraus -, bestätigt, dass der Handel nicht korrekt war. Es bestätigt aber auch, dass der alte Nazi noch Beziehungen (aus der Zeit des Duce?) zur italienischen Exekutive hat. Um das zeigen zu können, hätte Andersch die Rolle des betrügerischen Händlers aber nicht unbedingt mit einem Juden besetzen müssen.