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Martin Amis: Information

Was bedeutet der Titel? Kann ein Begriff, der so allgemein ist, dass er selbst den Begriff Sprache noch umfasst, der Titel eines Romans sein? Hätte der Inhalt nicht konkreter gefasst werden können? Liegt es an der Übersetzung und hätte der Titel Mitteilungen nicht besser gepasst?

Information setzt mindestens einen Sender und einen Empfänger voraus, damit sie zustande kommt. Außerdem muss die Information für den Empfänger verständlich sein, damit sie ihren Zweck erfüllen kann, richtig muss sie nicht sein. Wenn Sie am Informationsschalter eines Kaufhauses sitzen und ein Affe kommt vorbei, der gerne eine Banane haben möchte, dann können Sie ihm zwar ein Informationsblatt in die Hand drücken, haben sich ihm aber nicht verständlich gemacht. Wenn Sie ihn dagegen an die Hand nehmen, ihn in die Lebensmittelabteilung führen und ihm Zucchini zeigen, dann geben Sie ihm eine Information, die er verstehen kann, auch wenn die, das wird ihnen der Affe schon zu verstehen geben, falsch ist.

Bei Richard und Gwyn ist die Sache nicht so klar: Richard ist zwar ein guter Empfänger von Informationen, hat aber keinen Erfolg beim Senden, während Gwyn zwar ein schlechter Empfänger ist, aber dennoch erfolgreich senden kann. Es ist logisch, dass auf diese Weise kaum Informationen übermittelt werden, von beiden nicht.

Richard nimmt feinsinnig die Welt und sich selbst wahr, verfügt über ein gutes Gedächtnis und hat literarischen Sachverstand. Er hat sicher Bedenkenswertes mitzuteilen, doch er überträgt diese Aufgabe in seinem letzten Roman 16 unzuverlässigen Erzählern auf 8 Zeitebenen. Der Roman trägt den Titel Ohne Titel, nicht weil dem Autor die Worte fehlen, sondern weil er damit ausdrücken will, dass man ihnen misstrauen soll. Sein Buch kommt bei den Verlagen nicht an, weil sie es für unlesbar halten, wohl auch zu Recht, da selbst Leser, die Richard wohlgesonnen sind, nach wenigen Seiten aufgeben, weil sie seine verklausulierte Botschaft nicht verstehen.

Dagegen nimmt Gwyn die Wirklichkeit kaum wahr, auch wenn er sich bemüht, manche Dinge mit aufgerissenen Kinderaugen zu betrachten. Seine Romane sagen wenig aus, weil sie nur das beschreiben, was ohnehin jeder weiß, und weil menschliche Konflikte darin nicht vorkommen, aber sie bedienen den großen Markt der Oberflächlichen und Denkfaulen. Gwyn hat wenig mitzuteilen, und das kommt an, vor allem wegen der Information, dass es ankommt. Dafür sorgt die Werbung. Konsequenterweise interessiert sich Gwyn mehr für das Bild, das er bei Werbeauftritten von sich vermittelt, als für die Vermittlung von Literatur.

Richard sucht die Informationen in den Hinterhöfen, weil er den Fassaden misstraut, während Gwyn die Fassaden beschreibt, weil ihm Hinterhöfe nichts sagen. Richard ist stolz auf seine Kenntnisse und Gwyn ist stolz auf das Bild, das er von sich macht. (Er macht es für andere und glaubt dann selbst daran.)

Richard ist der Bösewicht, dessen Intrigen der naive Gwyn scheinbar schutzlos ausgeliefert ist, doch die falschen Informationen, die Richard streut, bewirken nichts. Mit Informationen kann er Gwyn nichts anhaben. Erst die häufigen Gewaltakte zeigen Wirkung. Doch der schlecht informierte Gwyn ist nicht nur Opfer; er demütigt andere durch seinen Narzissmus, anscheinend ohne es zu bemerken, er demütigt nicht nur Richard, den er seinen Erfolg in allen Facetten miterleben und fühlen lässt, sondern auch seine Frau Demeter, der er Kinder verweigert und die er im gemeinsamen Haus offen betrügt, während er in der Öffentlichkeit ihre Ehe als vorbildlich hinstellt.

Richard, der sich als Romancier der Moderne zurechnet, kennt die Geschichte der menschlichen Irrtümer und misstraut den Gewissheiten, er misstraut sogar der Sonne, weil er ausgerechnet hat, dass man auf der Erde nur sehen kann, wie die Sonne vor 8 Minuten ausgesehen hat. Dagegen ist er erstaunlich naiv in der Einschätzung, was die Wirkung seiner Mitteilungen betrifft. Die von ihm ausgestreuten Lügen werden noch nicht mal zu Gerüchten in einer Welt, wo Medienmacht bestimmt, was von Interesse ist.

Missverständnisse: Demeter sagt zu Richard: Gwyn kann nicht die Bohne schreiben - und meint: Er kann nicht für 'n Appel und 'n Ei schreiben. Richard, der in seinem Roman 16 unzuverlässige Erzähler einsetzt, um zu zeigen, dass man Informationen nicht trauen darf, traut dieser Information (nachdem er nachgefragt hat), obwohl er weiß, das Demeter sich laufend verspricht. Richard weiß, dass Gwyn eine schwache Blase hat, und will diese Information dazu nutzen, ihn in der Kinotoilette verprügeln zu lassen, wird dort aber selbst verprügelt, weil dem Täter die Information fehlt, wie sein Opfer aussieht. Demeters Vater hält Richard für Gwyn und regt sich darüber auf, dass der seine Hose anhat, kann aber nicht hören, dass Richard, der erkennt, dass er für Gwyn gehalten wird, ihn beleidigt, um ihn gegen Gwyn aufzubringen.

Vielleicht meint Martin Amis folgendes: Wenn diejenigen, die das Wichtige weglassen, bejubelt werden, und diejenigen, die es mitteilen wollen, sich nicht verständlich machen können, und wenn die Menschen wegen persönlicher Mängel und gesellschaftlicher Missstände nicht in der Lage sind, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden, dann reduziert sich die Sprache auf pure Information, dann haben differenzierte Begriffe und Literatur keinen Sinn mehr, dann häufen sich Missverständnisse und Gewalt. Vielleicht hat Martin Amis den Romantitel ja auch ironisch gemeint in dem Sinne: Wozu sich noch Gedanken über einen passenden Titel machen? Für euch ist sowieso alles nur Information. Vielleicht hat ja auch Richard Tull den Titel seines letzten Romans ironisch gemeint? Er wäre nur einen Schritt weitergegangen als sein Erfinder.