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Mathias Altenburg: Landschaft mit Wölfen

Neuhaus verachtet Sentimentalität, auch die eigene. In seiner Stadt scheint es überwiegend Rollenspieler und Verdrängungskünstler zu geben. Nähme man sie ernst, machte man sich selbst zum Trottel. In einer Gesellschaft der falschen Gefühle zeigt man die wahren eigenen nicht. Wo man Tag und Nacht Gefahr läuft, ausgenutzt zu werden, da bietet man keine Hilfe an, und wo man von morgens bis abends belogen wird, da offenbart man sich nicht. Neuhaus flüchtet sich in die Gleichgültigkeit, auch seinem eigenen Verhalten gegenüber. Das ist zwar langweilig, aber auch bequem. Schwierig wird es erst, wenn man liebevollen, hilfsbereiten und ehrlichen Menschen begegnet, zum Beispiel dem Nachtwächter Lukas mit seiner Tochter Asma.

"... fehlen bloß noch die Geigen, so wohl fühl' ich mich, aber dann denke ich, daß hier was nicht stimmt, daß das alles schon gar nicht mehr wahr ist, und ich sage noch schnell, daß ich jetzt los muß, und renne raus, bloß weg hier, wo alles so zum Heulen schön, so zum Kotzen friedlich ist, und dann stehe ich wieder draußen auf der Hanauer Land, wo jetzt ein paar Nutten aufmarschieren und sich in der Dunkelheit an die Fernfahrer ranmachen, und ich denke, na also, ist die Welt ja doch noch in Ordnung, ..."

Überliest man die wenigen Szenen, die Neuhaus daran erinnern, dass es auch anständige Menschen gibt, könnte man glauben, Neuhaus wisse Bescheid. Bei seinen scharfsinnigen Analysen über die wahren Motive seiner Mitmenschen und der sich daraus speisenden Verachtung für ihre Sentimentalitäten entgeht ihm aber etwas wesentliches: Sentimentalität hat immer einen Grund. Sie sieht kitschig aus wie eine Seerose und erheischt Beachtung nur auf der Oberfläche, ihre Kraft jedoch bezieht sie aus der Tiefe. Sentimentalität gedeiht, wo tiefere Gefühle nicht erlebt werden, bzw. nicht mehr erlebt werden können. - Der Zuckerguss über dem Kackhaufen ersetzt zwar keinen Kuchen, aber er erinnert wenigstens daran.